Falsche Ausfahrt,
gutes Material.
Es gibt Menschen, die ihr Leben erstaunlich gut im Griff haben. Farblich sortierte Kalender. Altersvorsorge. Drei gleiche Vorratsgläser für Frühstückskram. Und dann gibt es Menschen, die irgendwann anfangen zu schreiben oder zu fotografieren und plötzlich feststellen, dass sie damit versehentlich ihr eigenes Leben dokumentieren. Meistens ohne Plan. Oft mit zu viel Kaffee. Und gelegentlich mit dem Orientierungssinn eines Menschen, der trotz Navigationssystem an der falschen Ausfahrt abfährt und anschließend behauptet, das sei Absicht gewesen.
Dabei entstehen eher selten die großen Geschichten. Eher diese kleinen dazwischen. Licht auf nassem Asphalt. Wanderwege im Regen. Gespräche in Cafés. Müdigkeit in Hotelzimmern. Menschen mit Outdoorjacken, die aussehen, als würden sie gleich den Mount Everest besteigen, obwohl sie eigentlich nur zum Bäcker gehen. Ein Blick aus dem Zugfenster kurz vor dem nächsten Halt. Dinge, die im ersten Moment vollkommen belanglos wirken und einem später plötzlich wieder einfallen.
Vielleicht bleibt genau deshalb etwas davon hängen. Weil das Leben selten aus den großen Momenten besteht. Sondern aus diesen leisen, leicht komischen Augenblicken, die man fast übersehen hätte, wenn niemand kurz stehen geblieben wäre, um sie aufzuschreiben oder zu fotografieren. Und irgendwo zwischen all den Fotos, Notizen und halb leeren Kaffeetassen sitzt dann plötzlich jemand und denkt ernsthaft darüber nach, vielleicht Deutschlands bekanntester Autor zu werden. Was vermutlich entweder eine hervorragende Idee ist oder der endgültige Beweis dafür, dass zu viel Alleinsein langfristig doch leichte Nebenwirkungen haben kann.
Roman
In Arbeit.
Es gibt Momente, die wirken zunächst vollkommen harmlos. Ein Montag im Januar, an dem es selbst morgens um acht aussieht, als hätte der Himmel gekündigt. Die Kinder diskutieren über irgendetwas mit Minecraft-Bezug, der Hund sitzt unter dem Tisch und hofft auf Wurst und man selbst glaubt noch, das größte Problem des Tages sei ein Toilettensitz im Gäste-WC, der leicht nach links kippt. Später merkt man, dass genau dort bereits etwas begonnen hat.
Niemand wirft Teller gegen Wände. Draußen fahren weiterhin Autos durch die Siedlung. Menschen kaufen Brötchen. Irgendwo mäht jemand trotz Januar seinen Rasen, was vermutlich weniger mit Notwendigkeit als mit Persönlichkeit zu tun hat. Die Welt besitzt eine fast beleidigende Fähigkeit, einfach weiterzumachen. Und während alles normal aussieht, verschwindet ein Leben langsam aus dem eigenen Alltag. Man hält sich an Routinen fest. An Brotdosen. Hundespaziergänge. Einkaufszettel. Dinge, die funktionieren. Wahrscheinlich weil es einfacher ist, weiterzumachen, als sich einzugestehen, dass längst etwas kaputtgegangen ist. Und irgendwann sitzt man nachts in einem fremden Zimmer und hört einem Mann beim Atmen zu, der einem kurz vorher noch erklärt hat, wie leicht Menschen zu töten seien.
Fotos
So wie es war.
Torsten Luttmann
Geboren 1981. Ausbildung im Groß- und Außenhandel. Lagerhallen. Paletten. Staub in der Luft. Holzsplitter in den Händen. Zahlen auf Papier. Später Marketing in einer Bank. Stabsabteilung. Anzüge. Sitzungen. Termine. Jahre mit Ordnung, aber wenig Substanz. Das ist vorbei. Heute schreibt und fotografiert er. Meist aus der Nähe der Dinge. Ein Tisch. Eine Tasse Kaffee. Rauch im Licht. Hände, die etwas festhalten oder loslassen. Die Kamera ist dabei, aber nicht im Weg. Sie wartet, bis ein Moment still genug wird. Kein großes Ereignis. Eher ein Blick. Eine Bewegung. Eine Pause zwischen zwei Sätzen. Er schreibt darüber. Nicht als Erklärung. Mehr wie eine Spur. Kleine Augenblicke, die sonst verschwinden würden. Schwarzer Kaffee. Echte Momente. Geschichten, die bleiben, wenn der Lärm draußen kurz aufhört.


