Abenddämmerung Wenn der Tag sich dem Ende neigt...

Der Geruch der Senffelder liegt in der Luft. In der Ferne hört man das Summen der Erntemaschinen. Es ist Herbst. Und während ich darüber nachdenke, fliegen über mir Wildgänse in Richtung Süden. Mein Opa sagte immer, dass sie die ersten Anzeichen des kommenden Winters sind und das, wenn man sie am Himmel sieht, der Schnee nicht lange auf sich warten lässt. Heute denke ich, dass diese Gleichung nicht mehr stimmt.

Wie jeden Abend spaziere ich mit meinem Hund Andor über den hohen Esch. Nicht weit vom Heiligen Häuschen, dessen alte Gemäuer uralte Geschichten erzählen könnten, lasse ich ihn laufen. Er rennt voraus. Dreht sich um. Und kehrt zu mir zurück. Dann rennt er wieder los. Er tobt sich aus. Plötzlich bleibt er stehen. Sein Blick, auf einen Punkt fokussiert. Seine Nase arbeitet. Jeder Muskel seines Körpers ist angespannt. Er verharrt, ohne einen Laut zu geben und hebt dabei einen Vorderlauf an. Ich habe es ihm nicht beigebracht. Er macht es einfach so. Ich stehe neben ihm, beobachte ihn und es scheint mir fast, als würde die Zeit stillstehen.

„Los.“ Andor springt in das Senffeld. Punktgenau. Er scheucht ein Rebhuhn hoch, das über das Senffeld in die andere Richtung fliegt. Andor kehrt sofort zurück. Er sitzt neben mir, ohne dass ich ihm den Befehl dazu gegeben habe. Jetzt schaut er mich an. Schon fast traurig. Und irgendwie denke ich, dass er denkt: „Warum schießt er nicht?“ Nun ja. Ich bin kein Jäger und habe niemals ein Gewehr dabei. Und während ich mir selbst die Antwort gebe, denke ich, wie schön es wäre, in diesem Augenblick eine Kamera in den Händen zu halten, die ich für den finalen Schuss benutzen könnte. Doch schöne Augenblicke verlangen nicht nach Aufmerksamkeit und manchmal sollte man das, was man sieht, mit den eigenen Augen erleben. Andor ist schon weitergelaufen. Den Weg entlang, den wir immer gehen.

Gedanklich mache ich eine Zeitreise. Zurück ins Jahr zweitausendelf. Heilig Abend. Gegen 17:30 Uhr. Auf dem Esch ist es still. Und dunkel. Die meisten Menschen sitzen in der Dreifaltigkeitskirche und feiern gemeinsam den Gottesdienst. Ich bin draußen. Alleine. Mit meinem Hund. Mein Abendspaziergang. Plötzlich wird Andor nervös. Er schlägt an. Und ich mache mir so meine Gedanken. Draußen. Im Dunkeln. Allerdings schaut Andor in den Nachthimmel. Und genau das tue ich auch.

Ein heller Lichtschweif fliegt langsam über meinen Kopf hinweg. Und ehrlich gesagt, war ich einen Augenblick lang wie festgefroren. Es war Heilig Abend. Der Abend vor Weihnachten. Und am Himmel taucht ein Lichtschweif auf, wie ich ihn aus Beschreibungen der Bibel kenne. Ich bewege mich keinen Meter weiter. Und Andor auch nicht. Ich greife in meine Tasche, hole mein Smartphone raus und versuche zu filmen. Allerdings muss ich feststellen, dass das nicht wirklich funktioniert.

Manches muss man mit den eigenen Augen Sehen

Es ist verwackelt. Unscharf. Zu klein. Schnell packe ich das Gerät weg, denn dieser Augenblick kann so schnell vorbei sein. Doch ich habe Glück. Fast eine Minute fliegt die helle Kugel mit ihrem hellen Schweif am Nachthimmel, bis sie letzten Endes verglüht. Und jede Sekunde davon sehe ich mit meinen eigenen Augen. Ein Komet, denke ich. Doch später stellt sich heraus, dass es Weltraumschrott war, der in jenem Augenblick gut sichtbar im Nachthimmel verglühte.

Seit diesem Augenblick, seit diesem Heiligen Abend, habe ich eine andere Sichtweise auf die Dinge. Wir versuchen jeden Moment festzuhalten, jeden Augenblick einzufangen. Auf Hochzeiten. Auf Konzerten. Hier. Da. Überall wird gefilmt, alles wird eingefangen. Und meist nur, um es später auf den sozialen Netzwerken teilen zu können. Doch wenn wir das machen, wenn wir ein Konzert durch das Display eines Smartphones verfolgen, verpassen wir den wirklichen Augenblick. Das, was wirklich zählt. Wir konzentrieren uns auf unser Gerät, auf das Display, auf Farben und Ton, auf dieses und jenes. Wir spielen im Kopf die Veröffentlichung durch, denken über Klicks und Likes nach und sehen gar nicht, was wirklich passiert. Wir haben verlernt, den Augenblick zu genießen.

Abenddämmerung. Der Tag neigt sich dem Ende.

Jeden Abend gehe ich spazieren. Meistens eine gute Stunde. Meistens da, wo keine Menschen sind. Dort kann Andor rennen, toben, spielen, springen. Dort kann er vorstehen, nachsehen und Bescheid geben. Wir können üben, trainieren und Kommandos studieren. Sitz. Platz. Komm. Bleib. Und meistens – nicht immer – aber meistens, habe ich dann kein Smartphone dabei. Weil ich den Augenblick genießen möchte. Ihn wahrnehmen will. Mit meinen Augen. Denn nur dann, wirklich nur dann, bin ich wirklich da. Im Hier und im Jetzt. Wenn sich der Tag dem Ende neigt und die Ruhe Einzug hält. Eine Ruhe, die nicht mal durch das Schnattern der Wildgänse gestört werden kann.

Und? Wie ist Deine Meinung?

Torsten Luttmann

Geboren 1981, aufgewachsen in Altenoythe. Seit 2014 hauptberuflicher Fotograf, seit 2017 Filmemacher und leidenschaftlicher Autor auf diversen Blogs. Familienvater, Ehemann und Hundebesitzer.

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