Aus dem Leben Gedanken zum letzten Ort

Hinter dicken Mauern und hohen Hecken liegt, verschlafen, still und ruhig der kleine Friedhof. Die letzte Ruhestätte für die Menschen, die einst in unserer Mitte standen. Der letzte Ort für alle, die für immer einen Platz in unseren Herzen haben. Eine Frau steht an einem Grab. An ihrer Hand ein kleiner Junge. Er ist ganz aufgeregt, lacht und möchte spielen. Die Frau ermahnt ihn. Zur Stille. Er schaut sie an. Er versteht nicht, was sie meint. Warum sie ihn ermahnt. „Aber Oma hat immer gesagt, wir dürfen spielen. Oma freute sich immer, wenn wir lachen…“

Der Friedhof gilt in unserer Kultur als Ort der Stille. Als letzte Ruhestätte. Hier sollen die Menschen, die wir aus unserem Leben verabschieden mussten, ihren letzten Frieden finden. Und zur Wahrung dieses Friedens gibt es Verhaltensregeln, die eben genau dafür sorgen sollen. In der Friedhofsverordnung unseres Friedhofes steht demnach, dass es untersagt ist, auf dem Friedhof zu lärmen und zu spielen. Des Weiteren ist es nicht gestattet, Tiere mit auf den Friedhof zu nehmen oder mit dem Fahrrad durch die Gänge zu fahren. Und natürlich respektiere ich diese Regeln, halte sie ein – was allerdings nicht bedeutet, dass ich sie auch verstehe.

Ehrlich gesagt: Ich habe bis vor kurzem nie darüber nachgedacht. Ich habe mir keine Gedanken über diese Regeln gemacht, sondern sie einfach hingenommen. Und das werde ich weiterhin tun, wenn ich den Friedhof in unserem Ort besuche. Trotzdem möchte ich diese Regeln an dieser Stelle einfach mal in Frage stellen. Einfach aus dem Grund, weil ich alles in Frage stelle, was ich nicht verstehen kann. Vielleicht, weil ich verstehen möchte. Vielleicht aber auch, weil ich denke, dass manches, was man einfach hinnimmt eventuell nicht richtig ist, bzw. nicht richtig sein muss.

Und dann küssen sie sich…

Es gibt eine Episode in der Serie House of Cards. In dieser läuft die Frau des Abgeordneten joggend über den Friedhof ihrer Stadt. Eine ältere Dame, die am Rand eines Grabes steht, fährt sie an. Schroff. Von der Seite. Sie sagt ihr, sie sei pietätlos, sie habe keinen Respekt und kein Mitgefühl. Verstört verlässt die Frau des Abgeordneten den Friedhof. Am Ende der besagten Episode läuft die Frau wieder zum Friedhof. Sie erinnert sich an die alte Dame und hält einen Augenblick lang inne. Dann entdeckt sie, zwischen den Gräbern, ein Paar, das lachend vor einem Grab liegt, sich in den Armen hält und küsst. Man erkennt ein Lächeln im Gesicht der Frau und die Episode endet.

In diesem Jahr gab es einen Todesfall in unserer Familie. Wir mussten uns von einem geliebten Familienmitglied verabschieden. Einem Menschen, der immer einen festen Platz in unserer Mitte hatte und immer haben wird. Und so lange wir ihr diesen Platz geben, in unserer Mitte, in unseren Herzen, wird sie immer bei uns sein. Im Leben. Zwischen uns. Dort wo wir lachen und feiern. Da, wo wir mal traurig sind und weinen möchten. Und immer, wenn wir mal nicht weiterwissen, können wir uns fragen, wie sie gesagt hätte.

Am Tag ihrer Beerdigung, fand eine Hochzeit statt. Eine Hochzeit zweier Menschen, die ihre Liebe für die Zukunft besiegeln wollten. Und diese beiden Menschen haben mich darum gebeten, diesen für sie besonderen Tag festzuhalten. Ich habe darüber nachgedacht, die Hochzeit für mich abzusagen. Letzten Endes tat ich es nicht. Ich sagte die Hochzeit nicht ab. Ich fotografierte sie. Denn ich wusste, dass ich drei Menschen enttäuscht hätte, wäre ich nicht zu der Hochzeit gegangen. Ich wusste, dass ich das Brautpaar enttäuscht hätte – obwohl sie sicherlich Verständnis und Mitgefühl gehabt hätten. Und ich hätte sie enttäuscht, die nicht gewollt hätte, das ich zwei Menschen, die Ja zu einander sagen wollen, im „Stich“ lasse. Sie hätte gewollt, dass ich auf der Hochzeit bin und diese wunderbaren Momente in wunderbaren Fotos festhalte. Davon bin ich – sind wir alle – überzeugt.

Aus dem Leben…

Vor unserem Haus spielen manchmal Kinder. Sie lachen. Sie toben. Sie freuen sich. In unserem Haus tobt das Leben. Unsere zwei Jungs lachen, toben, spielen. Manchmal stört es mich, meistens aber nicht. Und ich selbst spiele immer wieder gerne mit. Dann wird getobt, dann sind wir wild, dann bebt die ganze Hütte. An den Wochenenden, auf den Hochzeiten und Feiern der Region, tobt das Leben. Die Menschen trinken, lachen, feiern, tanzen. Es wird Musik gespielt und alle (jedenfalls die Meisten) sind gut drauf. Es herrscht das Leben. So, wie es sein sollte.

Und dann stirbt man. Und alles ist vorbei. Plötzlich wird es still. Kein Lachen. Keine Musik. Keine erfreuten Klänge. Dunkle Farben und trauernde Gesichter. Tränen, wo vorher Lachen war.

Alles endet…

Hinter dicken Mauern und hohen Hecken liegt, verschlafen, still und ruhig der kleine Friedhof. Die letzte Ruhestätte für die Menschen, die einst in unserer Mitte standen. Und irgendwann wird es mein letzter Ort sein.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, könnte ich das Leben nach dem Tod erleben. Wenn ich noch da wäre, uns sehen könnte was geschieht. Und ich sehe Menschen, die still sind – obwohl ich das Lachen immer mehr mochte. Ich sehe Menschen, die weinen, obwohl Tränen mir nie gefallen haben. Ich sehe Kinder, die still sind, obwohl sie eigentlich spielen sollten. Ich sehe dunkle Farben, obwohl die hellen Farben mir mehr bedeutet haben.

Und niemand spielt Musik. Und niemand tanzt.

Mein Hund, der immer an meiner Seite war, darf mein Grab nicht besuchen. Weil die Friedhofsverordnung es so möchte. Ich weiß, niemand würde sich beschweren, wenn mein er an meinem Grab sitzt. Aber rechtens ist es nicht.

Ich liege hinter dicken Mauern, in einem kleinen Grab. Es ist still. Ruhig. Das Leben, findet woanders statt. Vor den Mauern. Vor den Hecken. Und ich bin an meinem letzten Ort, meiner letzten Ruhestätte. Abgeschieden von dem Leben, dass ich es einst geliebt habe.

Irgendwann, vielleicht, steht ein Mann an meinem Grab. An seiner Hand ein kleines Kind. Es ist aufgeregt, lacht und möchte spielen. Und der Mann geht in die Hocke, schaut dem Kind in die Augen und sagt: „Los. Spiel. Lache, tobe, freue Dich. Dein Opa hätte es so gewollt.“  

Und dann bin ich glücklich, weil ich dabei bin.
Ein Teil des Lebens. Immer noch mitten unter ihnen…

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Torsten Luttmann

Geboren 1981, aufgewachsen in Altenoythe. Seit 2014 hauptberuflicher Fotograf, seit 2017 Filmemacher und leidenschaftlicher Autor auf diversen Blogs. Familienvater, Ehemann und Hundebesitzer.

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