Abenddämmerung Wenn der Tag sich dem Ende neigt...

Der Geruch der Senffelder liegt in der Luft. In der Ferne hört man das Summen der Erntemaschinen. Es ist Herbst. Und während ich darüber nachdenke, fliegen über mir Wildgänse in Richtung Süden. Mein Opa sagte immer, dass sie die ersten Anzeichen des kommenden Winters sind und das, wenn man sie am Himmel sieht, der Schnee nicht lange auf sich warten lässt. Heute denke ich, dass diese Gleichung nicht mehr stimmt.

Wie jeden Abend spaziere ich mit meinem Hund Andor über den hohen Esch. Nicht weit vom Heiligen Häuschen, dessen alte Gemäuer uralte Geschichten erzählen könnten, lasse ich ihn laufen. Er rennt voraus. Dreht sich um. Und kehrt zu mir zurück. Dann rennt er wieder los. Er tobt sich aus. Plötzlich bleibt er stehen. Sein Blick, auf einen Punkt fokussiert. Seine Nase arbeitet. Jeder Muskel seines Körpers ist angespannt. Er verharrt, ohne einen Laut zu geben und hebt dabei einen Vorderlauf an. Ich habe es ihm nicht beigebracht. Er macht es einfach so. Ich stehe neben ihm, beobachte ihn und es scheint mir fast, als würde die Zeit stillstehen.

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Aus dem Leben Gedanken zum letzten Ort

Hinter dicken Mauern und hohen Hecken liegt, verschlafen, still und ruhig der kleine Friedhof. Die letzte Ruhestätte für die Menschen, die einst in unserer Mitte standen. Der letzte Ort für alle, die für immer einen Platz in unseren Herzen haben. Eine Frau steht an einem Grab. An ihrer Hand ein kleiner Junge. Er ist ganz aufgeregt, lacht und möchte spielen. Die Frau ermahnt ihn. Zur Stille. Er schaut sie an. Er versteht nicht, was sie meint. Warum sie ihn ermahnt. „Aber Oma hat immer gesagt, wir dürfen spielen. Oma freute sich immer, wenn wir lachen…“

Der Friedhof gilt in unserer Kultur als Ort der Stille. Als letzte Ruhestätte. Hier sollen die Menschen, die wir aus unserem Leben verabschieden mussten, ihren letzten Frieden finden. Und zur Wahrung dieses Friedens gibt es Verhaltensregeln, die eben genau dafür sorgen sollen. In der Friedhofsverordnung unseres Friedhofes steht demnach, dass es untersagt ist, auf dem Friedhof zu lärmen und zu spielen. Des Weiteren ist es nicht gestattet, Tiere mit auf den Friedhof zu nehmen oder mit dem Fahrrad durch die Gänge zu fahren. Und natürlich respektiere ich diese Regeln, halte sie ein – was allerdings nicht bedeutet, dass ich sie auch verstehe.

Ehrlich gesagt: Ich habe bis vor kurzem nie darüber nachgedacht. Ich habe mir keine Gedanken über diese Regeln gemacht, sondern sie einfach hingenommen. Und das werde ich weiterhin tun, wenn ich den Friedhof in unserem Ort besuche. Trotzdem möchte ich diese Regeln an dieser Stelle einfach mal in Frage stellen. Einfach aus dem Grund, weil ich alles in Frage stelle, was ich nicht verstehen kann. Vielleicht, weil ich verstehen möchte. Vielleicht aber auch, weil ich denke, dass manches, was man einfach hinnimmt eventuell nicht richtig ist, bzw. nicht richtig sein muss.

Und dann küssen sie sich…

Es gibt eine Episode in der Serie House of Cards. In dieser läuft die Frau des Abgeordneten joggend über den Friedhof ihrer Stadt. Eine ältere Dame, die am Rand eines Grabes steht, fährt sie an. Schroff. Von der Seite. Sie sagt ihr, sie sei pietätlos, sie habe keinen Respekt und kein Mitgefühl. Verstört verlässt die Frau des Abgeordneten den Friedhof. Am Ende der besagten Episode läuft die Frau wieder zum Friedhof. Sie erinnert sich an die alte Dame und hält einen Augenblick lang inne. Dann entdeckt sie, zwischen den Gräbern, ein Paar, das lachend vor einem Grab liegt, sich in den Armen hält und küsst. Man erkennt ein Lächeln im Gesicht der Frau und die Episode endet.

In diesem Jahr gab es einen Todesfall in unserer Familie. Wir mussten uns von einem geliebten Familienmitglied verabschieden. Einem Menschen, der immer einen festen Platz in unserer Mitte hatte und immer haben wird. Und so lange wir ihr diesen Platz geben, in unserer Mitte, in unseren Herzen, wird sie immer bei uns sein. Im Leben. Zwischen uns. Dort wo wir lachen und feiern. Da, wo wir mal traurig sind und weinen möchten. Und immer, wenn wir mal nicht weiterwissen, können wir uns fragen, wie sie gesagt hätte.

Am Tag ihrer Beerdigung, fand eine Hochzeit statt. Eine Hochzeit zweier Menschen, die ihre Liebe für die Zukunft besiegeln wollten. Und diese beiden Menschen haben mich darum gebeten, diesen für sie besonderen Tag festzuhalten. Ich habe darüber nachgedacht, die Hochzeit für mich abzusagen. Letzten Endes tat ich es nicht. Ich sagte die Hochzeit nicht ab. Ich fotografierte sie. Denn ich wusste, dass ich drei Menschen enttäuscht hätte, wäre ich nicht zu der Hochzeit gegangen. Ich wusste, dass ich das Brautpaar enttäuscht hätte – obwohl sie sicherlich Verständnis und Mitgefühl gehabt hätten. Und ich hätte sie enttäuscht, die nicht gewollt hätte, das ich zwei Menschen, die Ja zu einander sagen wollen, im „Stich“ lasse. Sie hätte gewollt, dass ich auf der Hochzeit bin und diese wunderbaren Momente in wunderbaren Fotos festhalte. Davon bin ich – sind wir alle – überzeugt.

Aus dem Leben…

Vor unserem Haus spielen manchmal Kinder. Sie lachen. Sie toben. Sie freuen sich. In unserem Haus tobt das Leben. Unsere zwei Jungs lachen, toben, spielen. Manchmal stört es mich, meistens aber nicht. Und ich selbst spiele immer wieder gerne mit. Dann wird getobt, dann sind wir wild, dann bebt die ganze Hütte. An den Wochenenden, auf den Hochzeiten und Feiern der Region, tobt das Leben. Die Menschen trinken, lachen, feiern, tanzen. Es wird Musik gespielt und alle (jedenfalls die Meisten) sind gut drauf. Es herrscht das Leben. So, wie es sein sollte.

Und dann stirbt man. Und alles ist vorbei. Plötzlich wird es still. Kein Lachen. Keine Musik. Keine erfreuten Klänge. Dunkle Farben und trauernde Gesichter. Tränen, wo vorher Lachen war.

Alles endet…

Hinter dicken Mauern und hohen Hecken liegt, verschlafen, still und ruhig der kleine Friedhof. Die letzte Ruhestätte für die Menschen, die einst in unserer Mitte standen. Und irgendwann wird es mein letzter Ort sein.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, könnte ich das Leben nach dem Tod erleben. Wenn ich noch da wäre, uns sehen könnte was geschieht. Und ich sehe Menschen, die still sind – obwohl ich das Lachen immer mehr mochte. Ich sehe Menschen, die weinen, obwohl Tränen mir nie gefallen haben. Ich sehe Kinder, die still sind, obwohl sie eigentlich spielen sollten. Ich sehe dunkle Farben, obwohl die hellen Farben mir mehr bedeutet haben.

Und niemand spielt Musik. Und niemand tanzt.

Mein Hund, der immer an meiner Seite war, darf mein Grab nicht besuchen. Weil die Friedhofsverordnung es so möchte. Ich weiß, niemand würde sich beschweren, wenn mein er an meinem Grab sitzt. Aber rechtens ist es nicht.

Ich liege hinter dicken Mauern, in einem kleinen Grab. Es ist still. Ruhig. Das Leben, findet woanders statt. Vor den Mauern. Vor den Hecken. Und ich bin an meinem letzten Ort, meiner letzten Ruhestätte. Abgeschieden von dem Leben, dass ich es einst geliebt habe.

Irgendwann, vielleicht, steht ein Mann an meinem Grab. An seiner Hand ein kleines Kind. Es ist aufgeregt, lacht und möchte spielen. Und der Mann geht in die Hocke, schaut dem Kind in die Augen und sagt: „Los. Spiel. Lache, tobe, freue Dich. Dein Opa hätte es so gewollt.“  

Und dann bin ich glücklich, weil ich dabei bin.
Ein Teil des Lebens. Immer noch mitten unter ihnen…

Sturmgedanken Wenn der Wind ums Haus pfeift.

Die roten Klinkersteine speichern die Wärme des Feuers, während draußen vor dem Haus ein Sturm tobt. Er treibt den Wind ums Haus. Er nutzt die kleinen Ritzen des alten Gebäudes um sein bedrohlich wirkendes Lied zu pfeifen. Doch wenn man hier lebt, dann kennt man das und weiß, dass er nur spielen möchte. Durch das Fenster beobachte ich das Laub, das längst verwelkt und dem Wind nicht standhalten kann. In bunten Herbstfarben fliegt es durch die Luft, während die Flammen im Kamin vor sich hin knistern. Der Kakao dampft von dem Tisch, der früher mal ein Weinfass war und mein Hund liegt zu meinen Füßen. Ganz ruhig und entspannt.

In Gedanken spiele ich damit, mir das alte Buch zu schnappen. Das Buch, in dem die Geschichte des Hauke Haien aufgeschrieben ist. Die Geschichte, die von den Deichen in Nordfriesland erzählt und vom Leben des Deichgrafen, der am Ende mit seinem Leben bezahlen muss. Doch während ich darüber nachdenke, fällt mir wieder ein, dass es längst verloren gegangen und ich mir ein neues besorgen wollte. Irgendwann? Irgendwann ist nur ein Wort für nie. Also tue ich es gleich. Eine gebundene Ausgabe. Ein Buch, dass man gerne in Händen hält.

Oktober. Ich mag den Herbst. Den Sturm. Den Regen. Ich mag es, wenn es draußen ungemütlich wird und man die wohlige Wärme hinter den doppelverglasten Scheiben wieder zu schätzen lernt. Es ist ein Gefühl von Zuhause, ein Gefühl von Geborgenheit und das Gefühl in Sicherheit zu sein, während draußen ein kleines Unwetter sein Unwesen treibt. Und dabei ist es im Grunde genommen nur etwas Wind, der bedrohlich mit der alten Garagentür klappert, deren Schloss ich den ganzen Sommer über reparieren wollte. Manche Dinge bleiben einfach liegen, weil andere Priorität haben. Ich gehe zurück an meinen Rechner. Priorität. Da war doch was.

Aufgeregt rufen meine Jungs nach mir. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Die Hochzeit, auf der ich gerade war, ist wieder in die Ferne gerückt. Es ist kurz vor Mittag. Und das Zelt, in dem meine Jungs so gerne spielen, fliegt durch die Gegend. Richtig hoch. Es stand in der Garage. Der Wind muss das Garagentor aufgeweht und das Zelt nach draußen befördert haben. Mit etwas Sorge blicke ich zu der alten Eiche, die im Sturm plötzlich hin und her weht. Auch der, durch den Regen aufgeweichte Boden, bewegt sich. Hoffentlich geht alles gut. Im Haus duftet es nach Rindergulasch, während die Feuerwehr mit Sirenen an unserem Haus vorbeifährt.

Mittagessen. Fotobearbeitung. Freuen aufs neue Prinz PI Album. Es klingelt an der Tür. Der Schornsteinfeger. Renke bringt Glück ins Haus. Und ein freundliches Lächeln. Und eine Rechnung. Fürs ganze Jahr. Natürlich ist der Sturm ein Thema. Die umgekippten Bäume im Stadtpark, die alten Bäume vor der Wandelhalle in Bad Zwischenahn. Die gesperrten Straßen, die Einsätze der Feuerwehr, die wieder mal an unserem Haus vorbeifährt. Meine Frau schenkt zwei Gläser Cola ein.

Langsam schwächelt der Sturm. Und aus dem Sturm wird Wind. Die Sonne strahlt zum Fenster rein und der jüngste Sohn schlägt mir irgendwas gegen das Treppengeländer. Wahrscheinlich glaubt er, das klingt schön. Vielleicht ist es so. In seinen Ohren. Ich hingegen muss schmunzeln. Und während ich darüber nachdenke, bekomme ich Lust auf Mehlbolzen. Dieses weihnachtliche Gebäck, welches mich heute Morgen, beim Brötchen holen, schon so angelacht hat. Außerdem ist uns die gute Butter ausgegangen und in wenigen Stunden ist Abendbrotzeit. Ich fahr direkt los.

Eigentlich sollte ich dieses Gebäck nicht essen. Eigentlich sollte ich so manches nicht essen. Aber in diesem Fall – die Jungs freuen sich. Sehr sogar. Ich mich auch. Es gibt heißen Kaffee und die Jungs erzählen mir von ihrem Tag. Der Jüngste fragt mich ob er böse gucken kann und während er mich so anschaut, muss ich an den Clown aus ES denken. Pennywise. So wie unser Jüngster könnte er als Kind ausgesehen haben, wäre er ein Kind gewesen. War er bzw. es aber nie.

Sechszehndreißig. Halb fünf. Mein Büro erstrahlt wieder. Heute Abend findet ein Vorgespräch statt und nur der Staubsauger verrät, dass hier heute ein kleiner Aufräummarathon stattgefunden hat. Andor, der mich zwischenzeitlich verlassen und die Nähe des Kamins gesucht hat, kommt die Treppe hoch. Er setzt sich an meine Seite und stupst mir mit der Nase gegen den Oberschenkel. Auf geht es. Und genau das möchte er mir sagen. Ich tippe diesen letzten Satz zu Ende und gehe. Raus. Nach draußen.

Ein freies Wochenende Und jede Menge Bilder

Wir sind umgeben von Wundern. Von großen und von kleinen Wundern. Von Wundern, die wir oft als Selbstverständlichkeiten sehen. Die wir einfach nicht wahrnehmen. Weil uns vielleicht die Zeit fehlt. Oder das Auge. Vielleicht aber fehlt uns auch die Phantasie, die uns irgendwann verloren gegangen ist. Doch manchmal, wenn die Zeit da ist, wir unsere Augen öffnen und die Phantasie wiederentdecken, die wir im Rausch der Eile verloren haben, können wir sie sehen. Die kleinen und großen Wunder unserer Welt.

Manchmal ist es das Lachen der Kinder. Manchmal der Glanz in den Augen unseres Partners. Vielleicht ist es der Geschmack, des heißen Cappuccinos. Oder der Geruch des trockenen Holzes, was langsam im Kamin vor sich hin glimmt. Vielleicht sind es die Vögel, die am Himmel ihre Bahnen ziehen oder die Regentropfen auf den Grashalmen am Wegesrand, in denen sich manchmal die ganze Welt spiegelt. Manchmal sind die großen Wunder einfach Kleinigkeiten.

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Herbstgedanken Herbst. Ein Wort in bunten Farben.

Die Luft trägt den Beigeschmack von Klarheit. Nicht mehr lange und die Welt taucht sich selbst in zartes Gold, während die ersten Herbststürme über längst vergessene Felder brechen. Im alten Schuppen liegt das trockene Holz gestapelt und zwischen den Scheiten haben es sich Mäuse gemütlich gemacht. Über den Sommer, während des Regens. Doch sobald das erste Feuer im alten Kamin lodert, müssen sie sich erneut auf ihre Reise machen. An einen anderen Ort, zu einer anderen Geschichte. Der Herbst ist da und mit ihm die Ruhe, die das Ende immer mit sich bringt…

Der Kalender schweigt immer öfter. Seltener erzählt er von großen Feiern und bunten Lichtern, seltener vom Takt der Musik und vom Schall der Schritte, der über Tanzböden fegt und in den Ohren der Menschen meist unbemerkt verschwindet. Er schweigt und lässt Platz für Träume und Geschichten, für Märchen und Abenteuer. Eine Idee von Kerzenlicht und Spaziergängen über zugefrorene Äcker. Langsam wirft der Regen seine Tropfen an die Scheibe und der Wind spielt im Laub der Bäume. Sein Spiel und sein Rauschen wirft mich aus meinen Gedanken und bringt mich zurück an diesen Ort. Ich drehe die Heizung auf. Zum ersten Mal in diesem Herbst.

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