Der Terminkalender ruft mich noch. Bis zum Hl. Abend. Bis zur letzten Sekunde. Einige Videos, die noch gedreht werden wollen. Einige Besprechungen, die noch gehalten werden wollen. Einige Fotos, die noch geschossen werden wollen. Und dann? Kehrt Ruhe ein. Langsam. Über Nacht. Wenn Weihnachten beginnt und alles irgendwie anders ist.

Ein heißer Kakao. Knisterndes Kaminfeuer. Spaziergänge ohne Zeitdruck. Lachende Kinder. Spielende Jungs. Manchmal früh ins Bett fallen, manchmal lange aufbleiben. Weihnachtsgebäck und heißer Tee. Selbstgemachte Burger und heiße Suppe bei Mama. Um die Wette rennen. Regentropfen an kalten Fensterscheiben. Wünsche ich mir nicht wirklich, wird aber so kommen. Und? Ist auch nicht schlimm.

24.12.2017 – 07.01.2017

Zwei Wochen Pause. Urlaub. Zusammenhängend. Am Stück. Hatte ich das letzte Mal Ende März. Dann begann die Hochzeitssaison und ich war oft und viel unterwegs. Meist an den Wochenenden. Meistens lange. Dazwischen gab es Vor- und Nachbearbeitung und andere Dinge, die so getan werden mussten. Natürlich hatte ich Freiräume. Aber zwei Wochen am Stück, ganz ohne Termine? Nein. Die gab es nicht. Die gönne ich mir. Jetzt. Oder eben nächste Woche.

Und wenn ich will, schnappe ich mir meine Kamera. Wenn ich möchte, schreibe ich einen Text. Aber ich muss nicht. Ich kann. So, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Solltet Ihr also gar nicht von mir hören, macht Euch keine Sorgen. Ich bin woanders. Im Niemandsland. Mitten im Stillstand. Oder einfach nur, in einer kleinen Auszeit.

Die Veränderung war immer da. Immer. In jeder Phase meines Lebens. In jedem Jahr. Immer wieder hat sie mir die Hand geschüttelt und mich dabei – mal langsam, mal schnell – in eine andere Richtung gedrückt. Auf einen anderen Weg gelenkt. Manchmal hat mir das Angst gemacht. Manchmal wurde ich traurig. Es gab Tage, an denen ich wütend war und Tage, an denen ich mich freute. Doch jedes Mal, wenn ich mich wehrte, bemerkte ich, dass mir der Widerstand gegen die Veränderung nicht guttat.

Manchmal kamen Veränderungen in mein Leben, die auf den ersten Blick düster schienen. Negativ. Manchmal waren sie so dunkel, dass ich traurig wurde und gleichzeitig Angst hatte. Doch rückwirkend betrachtet konnte ich feststellen, dass diese Veränderungen nur Platz in meinem Leben geschaffen haben, damit Neues entstehen konnte. Und denke ich heute darüber nach, erfüllen mich selbst die dunkelsten Veränderungen mit Dankbarkeit.

Veränderung
Du kannst Dein ganzes Leben lang derselbe sein

Du kannst Dein ganzes Leben lang derselbe sein. Du kannst einen Job erlernen, in diesem arbeiten und irgendwann in Rente gehen. Jedes Jahr Mallorca-Urlaub, sonntags auf dem Sportplatz und mittwochs mit den Jungs in die Kneipe. Du kannst Dich von montags bis donnerstags auf den Freitag, den Samstag und den Sonntag freuen. Und all das, wirklich – alles – ist in Ordnung. Solange Du glücklich bist.

Ich kann das nicht. Bei mir funktioniert das nicht. Ich habe im Baustoffhandel gearbeitet, war hauptberuflich für den Naturschutz aktiv. Kümmerte mich um Menschen mit Benachteiligung und verkaufte Telefonverträge an der Haustür. Besser gesagt: ich habe Klinken geputzt. Anschließend habe ich Ideen verfolgt und bin auf die Fresse gefallen. Richtig. Tief. Im Schlamm. Mit Gerichtsvollzieher und Haftandrohung. Dann bin ich wieder aufgestanden. Hauptschulabschluss und ein Realschulabschluss, der ganz okay ist – aber nicht mehr. 6 Jahre unter dem Vorstand einer Bank. Seitdem selbstständig.

1997 zerbrach ich zum ersten Mal. 2000 zum zweiten Mal. 2006 zum letzten Mal. Da erkannte ich, dass Veränderungen ein Teil meines Lebens sind. Dazugehören. Zu mir. Zu meinem Leben. Zudem, was ich bin. Ich bin immer ein Stück Veränderung. Die einzige Konstante, die dauerhaft, seit Anbeginn, zu mir gehört. Wenn ich mich dagegen wäre, zerbreche ich. Wenn ich sie nicht akzeptiere, falle ich in ein dunkles Loch. Das versteht nicht jeder und muss auch niemand.

Ich weiß nie, ob es besser wird.

Es ist so. Jede Veränderung hat ihre Melancholie. Selbst diejenigen, die wir uns wirklich herbeisehnen. Wir müssen einem Teil in unserem Leben Lebewohl sagen. Wir müssen uns verabschieden. Loslassen. Und erst dann, wirklich, erst dann, können wir einen neuen Teil beginnen.

Manchmal tritt die Veränderung langsam in mein Leben. Manchmal bemerke ich sie kaum. Aber es gibt Momente, da klopft sie mir ganz plötzlich auf die Schulter. Unangekündigt steht sie hinter mir und fragt: „Was ist jetzt?“ Dann muss ich mich entscheiden. Schnell. Ich habe immer die Wahl. Immer. In jeder Situation. Das einzige, was ich bedenken muss ist, ob ich mit den Konsequenzen meiner Entscheidung leben möchte. Ehrlich? Ich weiß meistens nie, ob es besser wird. Vielleicht wird es schlechter. Auf den ersten Blick. Doch irgendwann, wenn ich zurückblicke, dann war es richtig. So ist es immer gewesen.

Halte Dich von der Masse fern.

Der gestrige Abend. Er war anders geplant. Wir wollten gemütlich auf dem Sofa sitzen. Meine Frau und ich. Ein oder zwei Folgen House of Cards. Wahrscheinlich wären es mehr geworden. Aber wie gesagt, es kam anders. Das Telefon klingelte und meine Frau war verschwunden. Für Stunden.

Ich saß alleine. Auf dem Sofa. Als ich mich auf Facebook ablenkte und die Zeit vertreiben wollte, entdeckte ich einen Link. Steffen Böttcher. Stilpirat. Martin Krolop. Im Heidestudio. Ein Livestream. Vor einiger Zeit durfte ich Steffen während eines Workshops im Heidestudio kennenlernen und seitdem bin ich mir sicher, dass ich niemals zuvor, an einem Tag, mehr gelernt habe. Nicht über die Fotografie. Viel mehr über das Leben. Steffen ist ein toller Mensch, ein begnadeter Fotograf und ein toller Sprecher. Wenn er spricht, höre ich zu. Viel mehr noch. Ich verstehe, was er sagt. Tut mir leid, wenn ich das jetzt sagen muss: Meine Lehrer damals, in der Schule, haben das nie geschafft.

Steffen Böttcher

Steffen Böttcher

Sie sprachen über dies und das. Über Fotografie. Über Social-Media, Dauerwerbesendungen und vieles mehr. Ich musste die Zeit gar nicht vertreiben. Sie verflog. Und in einem Moment sagte Steffen einen Satz, der mich begeistert, gefesselt und zum Nachdenken angeregt hat. Halte Dich von der Masse fern.

Er sagte diesen Satz in Bezug auf die Fotografie. Er sagte nicht, man solle sich von der Masse abheben. Er sagte, wortwörtlich, „Halte Dich von der Masse fern“. Ein ganz neuer Denkansatz in meinem kleinen Leben.

Kein Vorzeigeunternehmer

Ganz bestimmt. Ich bin kein Vorzeigerunternehmer. Keiner, der in der nächsten Zeit einen Preis für sein hervorragendes Unternehmen gewinnen wird. Ich mache nicht alles richtig. Manchmal mache ich vieles falsch. In den Augen der Anderen. In meinen Augen. Und die Veränderungen in meinem Leben tragen sicherlich dazu bei. Ich bin kein Unternehmer, wie er im Buche steht. Ich mache das, worauf ich Lust habe. Und die Veränderungen der Vergangenheit haben immer ihren Teil dazu beigetragen. Es funktioniert. Es könnte besser sein. Zugegeben. Oder schlechter. Auch möglich. Aber ganz egal. Ich bin zufrieden. Meistens.

Ich gebe keine Workshops, weil ich wahrscheinlich ein schlechterer Lehrer bin, als es meine jemals waren. Ich möchte Dir keine Vorträge halten, wie Du Dein Leben besser gestalten kannst, auch wenn ich es vielleicht mal versucht habe. Ratschläge für ein erfolgreiches Unternehmen? Frag mal Deinen Steuerberater. Aber wenn ich Dir einen Tipp geben könnte, dann wäre dieser in Anlehnung an den Satz, den Steffen gesagt hat.

Halte Dich von der Masse fern. Gehe Deinen eigenen Weg. Mach das, von dem Du glaubst, dass es Dich glücklich macht. Selbst dann, wenn andere das vielleicht nicht verstehen können. Oder wollen. Versuche nicht perfekt zu sein. Oder andere zu kopieren. Es spielt keine Rolle, wie Du aussiehst, wie schwer du bist oder welche Laster Du hast. Religion? Sexualität? Hautfarbe? Das ist alles so scheißegal, dass man es nicht einmal erwähnen muss. Gehe Deinen eigenen Weg. Halte Dich von der Masse fern. Öffne die Arme für Veränderungen. Auch wenn sie manchmal dunkel erscheinen, hab keine Angst. Habe keine Angst. Keine Angst.

Eines Tages ändert der Wind seine Richtung!

Manchmal nehme ich mir einen Augenblick. Einen Augenblick Zeit. Ein kostbares Gut in einer viel zu hektischen Zeit. Ich steige in mein Auto und fahre raus. Weit hinter das Dorf. Dorthin, wo man nur selten Menschen trifft. Dann bleibe ich stehen. Stille umgibt mich. Ruhe durchdringt mich. Ich schalte ab und schaue in den Himmel. Manchmal weht der Wind. Die Wolken ziehen von Norden nach Süden. Und manchmal ändert der Wind seine Richtung. Wenn man hinschaut, kann man es sehen.

Weiter, noch weiter hinter dem Dorf, fließt ein Fluss. Jeden Tag. Immer in die gleiche Richtung. Er fließt. Er floss bereits, bevor ich geboren war. Und er wird noch fließen, wenn meine Haut längst Staub im Wind ist. Und auch wenn man glaubt, dass dieser Fluss sich niemals ändern wird, er immer so fließt, wie er gerade fließt, so schafft man es niemals zweimal durch den gleichen Fluss zu gehen.

Leben? Heißt Veränderung. Alles verändert sich. Immer. Und immer wieder. Menschen kommen. Menschen gehen. Und wenn ich dann dort sitze, an dem Fluss, und ihm dabei zusehe, wie er sich sekündlich verändert, dann denke ich über mein Leben nach. Über das was war, das was ist, das was kommen wird. Ja. Es wird sich wieder verändern. Ich werde mich wieder verändern. Doch genau das ist es, was das Leben ausmacht. Veränderung. Und dafür bin ich dankbar. Jeden Tag.

Wie jeden Abend spaziere ich mit meinem Hund Andor über den hohen Esch. Nicht weit vom Heiligen Häuschen, dessen alte Gemäuer uralte Geschichten erzählen könnten, lasse ich ihn laufen. Er rennt voraus. Dreht sich um. Und kehrt zu mir zurück. Dann rennt er wieder los. Er tobt sich aus. Plötzlich bleibt er stehen. Sein Blick, auf einen Punkt fokussiert. Seine Nase arbeitet. Jeder Muskel seines Körpers ist angespannt. Er verharrt, ohne einen Laut zu geben und hebt dabei einen Vorderlauf an. Ich habe es ihm nicht beigebracht. Er macht es einfach so. Ich stehe neben ihm, beobachte ihn und es scheint mir fast, als würde die Zeit stillstehen.

„Los.“ Andor springt in das Senffeld. Punktgenau. Er scheucht ein Rebhuhn hoch, das über das Senffeld in die andere Richtung fliegt. Andor kehrt sofort zurück. Er sitzt neben mir, ohne dass ich ihm den Befehl dazu gegeben habe. Jetzt schaut er mich an. Schon fast traurig. Und irgendwie denke ich, dass er denkt: „Warum schießt er nicht?“ Nun ja. Ich bin kein Jäger und habe niemals ein Gewehr dabei. Und während ich mir selbst die Antwort gebe, denke ich, wie schön es wäre, in diesem Augenblick eine Kamera in den Händen zu halten, die ich für den finalen Schuss benutzen könnte. Doch schöne Augenblicke verlangen nicht nach Aufmerksamkeit und manchmal sollte man das, was man sieht, mit den eigenen Augen erleben. Andor ist schon weitergelaufen. Den Weg entlang, den wir immer gehen.

Gedanklich mache ich eine Zeitreise. Zurück ins Jahr zweitausendelf. Heilig Abend. Gegen 17:30 Uhr. Auf dem Esch ist es still. Und dunkel. Die meisten Menschen sitzen in der Dreifaltigkeitskirche und feiern gemeinsam den Gottesdienst. Ich bin draußen. Alleine. Mit meinem Hund. Mein Abendspaziergang. Plötzlich wird Andor nervös. Er schlägt an. Und ich mache mir so meine Gedanken. Draußen. Im Dunkeln. Allerdings schaut Andor in den Nachthimmel. Und genau das tue ich auch.

Ein heller Lichtschweif fliegt langsam über meinen Kopf hinweg. Und ehrlich gesagt, war ich einen Augenblick lang wie festgefroren. Es war Heilig Abend. Der Abend vor Weihnachten. Und am Himmel taucht ein Lichtschweif auf, wie ich ihn aus Beschreibungen der Bibel kenne. Ich bewege mich keinen Meter weiter. Und Andor auch nicht. Ich greife in meine Tasche, hole mein Smartphone raus und versuche zu filmen. Allerdings muss ich feststellen, dass das nicht wirklich funktioniert.

Manches muss man mit den eigenen Augen Sehen

Es ist verwackelt. Unscharf. Zu klein. Schnell packe ich das Gerät weg, denn dieser Augenblick kann so schnell vorbei sein. Doch ich habe Glück. Fast eine Minute fliegt die helle Kugel mit ihrem hellen Schweif am Nachthimmel, bis sie letzten Endes verglüht. Und jede Sekunde davon sehe ich mit meinen eigenen Augen. Ein Komet, denke ich. Doch später stellt sich heraus, dass es Weltraumschrott war, der in jenem Augenblick gut sichtbar im Nachthimmel verglühte.

Seit diesem Augenblick, seit diesem Heiligen Abend, habe ich eine andere Sichtweise auf die Dinge. Wir versuchen jeden Moment festzuhalten, jeden Augenblick einzufangen. Auf Hochzeiten. Auf Konzerten. Hier. Da. Überall wird gefilmt, alles wird eingefangen. Und meist nur, um es später auf den sozialen Netzwerken teilen zu können. Doch wenn wir das machen, wenn wir ein Konzert durch das Display eines Smartphones verfolgen, verpassen wir den wirklichen Augenblick. Das, was wirklich zählt. Wir konzentrieren uns auf unser Gerät, auf das Display, auf Farben und Ton, auf dieses und jenes. Wir spielen im Kopf die Veröffentlichung durch, denken über Klicks und Likes nach und sehen gar nicht, was wirklich passiert. Wir haben verlernt, den Augenblick zu genießen.

Abenddämmerung. Der Tag neigt sich dem Ende.

Jeden Abend gehe ich spazieren. Meistens eine gute Stunde. Meistens da, wo keine Menschen sind. Dort kann Andor rennen, toben, spielen, springen. Dort kann er vorstehen, nachsehen und Bescheid geben. Wir können üben, trainieren und Kommandos studieren. Sitz. Platz. Komm. Bleib. Und meistens – nicht immer – aber meistens, habe ich dann kein Smartphone dabei. Weil ich den Augenblick genießen möchte. Ihn wahrnehmen will. Mit meinen Augen. Denn nur dann, wirklich nur dann, bin ich wirklich da. Im Hier und im Jetzt. Wenn sich der Tag dem Ende neigt und die Ruhe Einzug hält. Eine Ruhe, die nicht mal durch das Schnattern der Wildgänse gestört werden kann.

Der Friedhof gilt in unserer Kultur als Ort der Stille. Als letzte Ruhestätte. Hier sollen die Menschen, die wir aus unserem Leben verabschieden mussten, ihren letzten Frieden finden. Und zur Wahrung dieses Friedens gibt es Verhaltensregeln, die eben genau dafür sorgen sollen. In der Friedhofsverordnung unseres Friedhofes steht demnach, dass es untersagt ist, auf dem Friedhof zu lärmen und zu spielen. Des Weiteren ist es nicht gestattet, Tiere mit auf den Friedhof zu nehmen oder mit dem Fahrrad durch die Gänge zu fahren. Und natürlich respektiere ich diese Regeln, halte sie ein – was allerdings nicht bedeutet, dass ich sie auch verstehe.

Ehrlich gesagt: Ich habe bis vor kurzem nie darüber nachgedacht. Ich habe mir keine Gedanken über diese Regeln gemacht, sondern sie einfach hingenommen. Und das werde ich weiterhin tun, wenn ich den Friedhof in unserem Ort besuche. Trotzdem möchte ich diese Regeln an dieser Stelle einfach mal in Frage stellen. Einfach aus dem Grund, weil ich alles in Frage stelle, was ich nicht verstehen kann. Vielleicht, weil ich verstehen möchte. Vielleicht aber auch, weil ich denke, dass manches, was man einfach hinnimmt eventuell nicht richtig ist, bzw. nicht richtig sein muss.

Und dann küssen sie sich…

Es gibt eine Episode in der Serie House of Cards. In dieser läuft die Frau des Abgeordneten joggend über den Friedhof ihrer Stadt. Eine ältere Dame, die am Rand eines Grabes steht, fährt sie an. Schroff. Von der Seite. Sie sagt ihr, sie sei pietätlos, sie habe keinen Respekt und kein Mitgefühl. Verstört verlässt die Frau des Abgeordneten den Friedhof. Am Ende der besagten Episode läuft die Frau wieder zum Friedhof. Sie erinnert sich an die alte Dame und hält einen Augenblick lang inne. Dann entdeckt sie, zwischen den Gräbern, ein Paar, das lachend vor einem Grab liegt, sich in den Armen hält und küsst. Man erkennt ein Lächeln im Gesicht der Frau und die Episode endet.

In diesem Jahr gab es einen Todesfall in unserer Familie. Wir mussten uns von einem geliebten Familienmitglied verabschieden. Einem Menschen, der immer einen festen Platz in unserer Mitte hatte und immer haben wird. Und so lange wir ihr diesen Platz geben, in unserer Mitte, in unseren Herzen, wird sie immer bei uns sein. Im Leben. Zwischen uns. Dort wo wir lachen und feiern. Da, wo wir mal traurig sind und weinen möchten. Und immer, wenn wir mal nicht weiterwissen, können wir uns fragen, wie sie gesagt hätte.

Am Tag ihrer Beerdigung, fand eine Hochzeit statt. Eine Hochzeit zweier Menschen, die ihre Liebe für die Zukunft besiegeln wollten. Und diese beiden Menschen haben mich darum gebeten, diesen für sie besonderen Tag festzuhalten. Ich habe darüber nachgedacht, die Hochzeit für mich abzusagen. Letzten Endes tat ich es nicht. Ich sagte die Hochzeit nicht ab. Ich fotografierte sie. Denn ich wusste, dass ich drei Menschen enttäuscht hätte, wäre ich nicht zu der Hochzeit gegangen. Ich wusste, dass ich das Brautpaar enttäuscht hätte – obwohl sie sicherlich Verständnis und Mitgefühl gehabt hätten. Und ich hätte sie enttäuscht, die nicht gewollt hätte, das ich zwei Menschen, die Ja zu einander sagen wollen, im “Stich” lasse. Sie hätte gewollt, dass ich auf der Hochzeit bin und diese wunderbaren Momente in wunderbaren Fotos festhalte. Davon bin ich – sind wir alle – überzeugt.

Aus dem Leben…

Vor unserem Haus spielen manchmal Kinder. Sie lachen. Sie toben. Sie freuen sich. In unserem Haus tobt das Leben. Unsere zwei Jungs lachen, toben, spielen. Manchmal stört es mich, meistens aber nicht. Und ich selbst spiele immer wieder gerne mit. Dann wird getobt, dann sind wir wild, dann bebt die ganze Hütte. An den Wochenenden, auf den Hochzeiten und Feiern der Region, tobt das Leben. Die Menschen trinken, lachen, feiern, tanzen. Es wird Musik gespielt und alle (jedenfalls die Meisten) sind gut drauf. Es herrscht das Leben. So, wie es sein sollte.

Und dann stirbt man. Und alles ist vorbei. Plötzlich wird es still. Kein Lachen. Keine Musik. Keine erfreuten Klänge. Dunkle Farben und trauernde Gesichter. Tränen, wo vorher Lachen war.

Alles endet…

Hinter dicken Mauern und hohen Hecken liegt, verschlafen, still und ruhig der kleine Friedhof. Die letzte Ruhestätte für die Menschen, die einst in unserer Mitte standen. Und irgendwann wird es mein letzter Ort sein.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, könnte ich das Leben nach dem Tod erleben. Wenn ich noch da wäre, uns sehen könnte was geschieht. Und ich sehe Menschen, die still sind – obwohl ich das Lachen immer mehr mochte. Ich sehe Menschen, die weinen, obwohl Tränen mir nie gefallen haben. Ich sehe Kinder, die still sind, obwohl sie eigentlich spielen sollten. Ich sehe dunkle Farben, obwohl die hellen Farben mir mehr bedeutet haben.

Und niemand spielt Musik. Und niemand tanzt.

Mein Hund, der immer an meiner Seite war, darf mein Grab nicht besuchen. Weil die Friedhofsverordnung es so möchte. Ich weiß, niemand würde sich beschweren, wenn mein er an meinem Grab sitzt. Aber rechtens ist es nicht.

Ich liege hinter dicken Mauern, in einem kleinen Grab. Es ist still. Ruhig. Das Leben, findet woanders statt. Vor den Mauern. Vor den Hecken. Und ich bin an meinem letzten Ort, meiner letzten Ruhestätte. Abgeschieden von dem Leben, dass ich es einst geliebt habe.

Irgendwann, vielleicht, steht ein Mann an meinem Grab. An seiner Hand ein kleines Kind. Es ist aufgeregt, lacht und möchte spielen. Und der Mann geht in die Hocke, schaut dem Kind in die Augen und sagt: „Los. Spiel. Lache, tobe, freue Dich. Dein Opa hätte es so gewollt.“  

Und dann bin ich glücklich, weil ich dabei bin.
Ein Teil des Lebens. Immer noch mitten unter ihnen…

In Gedanken spiele ich damit, mir das alte Buch zu schnappen. Das Buch, in dem die Geschichte des Hauke Haien aufgeschrieben ist. Die Geschichte, die von den Deichen in Nordfriesland erzählt und vom Leben des Deichgrafen, der am Ende mit seinem Leben bezahlen muss. Doch während ich darüber nachdenke, fällt mir wieder ein, dass es längst verloren gegangen und ich mir ein neues besorgen wollte. Irgendwann? Irgendwann ist nur ein Wort für nie. Also tue ich es gleich. Eine gebundene Ausgabe. Ein Buch, dass man gerne in Händen hält.

Oktober. Ich mag den Herbst. Den Sturm. Den Regen. Ich mag es, wenn es draußen ungemütlich wird und man die wohlige Wärme hinter den doppelverglasten Scheiben wieder zu schätzen lernt. Es ist ein Gefühl von Zuhause, ein Gefühl von Geborgenheit und das Gefühl in Sicherheit zu sein, während draußen ein kleines Unwetter sein Unwesen treibt. Und dabei ist es im Grunde genommen nur etwas Wind, der bedrohlich mit der alten Garagentür klappert, deren Schloss ich den ganzen Sommer über reparieren wollte. Manche Dinge bleiben einfach liegen, weil andere Priorität haben. Ich gehe zurück an meinen Rechner. Priorität. Da war doch was.

Aufgeregt rufen meine Jungs nach mir. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Die Hochzeit, auf der ich gerade war, ist wieder in die Ferne gerückt. Es ist kurz vor Mittag. Und das Zelt, in dem meine Jungs so gerne spielen, fliegt durch die Gegend. Richtig hoch. Es stand in der Garage. Der Wind muss das Garagentor aufgeweht und das Zelt nach draußen befördert haben. Mit etwas Sorge blicke ich zu der alten Eiche, die im Sturm plötzlich hin und her weht. Auch der, durch den Regen aufgeweichte Boden, bewegt sich. Hoffentlich geht alles gut. Im Haus duftet es nach Rindergulasch, während die Feuerwehr mit Sirenen an unserem Haus vorbeifährt.

Mittagessen. Fotobearbeitung. Freuen aufs neue Prinz PI Album. Es klingelt an der Tür. Der Schornsteinfeger. Renke bringt Glück ins Haus. Und ein freundliches Lächeln. Und eine Rechnung. Fürs ganze Jahr. Natürlich ist der Sturm ein Thema. Die umgekippten Bäume im Stadtpark, die alten Bäume vor der Wandelhalle in Bad Zwischenahn. Die gesperrten Straßen, die Einsätze der Feuerwehr, die wieder mal an unserem Haus vorbeifährt. Meine Frau schenkt zwei Gläser Cola ein.

Langsam schwächelt der Sturm. Und aus dem Sturm wird Wind. Die Sonne strahlt zum Fenster rein und der jüngste Sohn schlägt mir irgendwas gegen das Treppengeländer. Wahrscheinlich glaubt er, das klingt schön. Vielleicht ist es so. In seinen Ohren. Ich hingegen muss schmunzeln. Und während ich darüber nachdenke, bekomme ich Lust auf Mehlbolzen. Dieses weihnachtliche Gebäck, welches mich heute Morgen, beim Brötchen holen, schon so angelacht hat. Außerdem ist uns die gute Butter ausgegangen und in wenigen Stunden ist Abendbrotzeit. Ich fahr direkt los.

Eigentlich sollte ich dieses Gebäck nicht essen. Eigentlich sollte ich so manches nicht essen. Aber in diesem Fall – die Jungs freuen sich. Sehr sogar. Ich mich auch. Es gibt heißen Kaffee und die Jungs erzählen mir von ihrem Tag. Der Jüngste fragt mich ob er böse gucken kann und während er mich so anschaut, muss ich an den Clown aus ES denken. Pennywise. So wie unser Jüngster könnte er als Kind ausgesehen haben, wäre er ein Kind gewesen. War er bzw. es aber nie.

Sechszehndreißig. Halb fünf. Mein Büro erstrahlt wieder. Heute Abend findet ein Vorgespräch statt und nur der Staubsauger verrät, dass hier heute ein kleiner Aufräummarathon stattgefunden hat. Andor, der mich zwischenzeitlich verlassen und die Nähe des Kamins gesucht hat, kommt die Treppe hoch. Er setzt sich an meine Seite und stupst mir mit der Nase gegen den Oberschenkel. Auf geht es. Und genau das möchte er mir sagen. Ich tippe diesen letzten Satz zu Ende und gehe. Raus. Nach draußen.

Manchmal ist es das Lachen der Kinder. Manchmal der Glanz in den Augen unseres Partners. Vielleicht ist es der Geschmack, des heißen Cappuccinos. Oder der Geruch des trockenen Holzes, was langsam im Kamin vor sich hin glimmt. Vielleicht sind es die Vögel, die am Himmel ihre Bahnen ziehen oder die Regentropfen auf den Grashalmen am Wegesrand, in denen sich manchmal die ganze Welt spiegelt. Manchmal sind die großen Wunder einfach Kleinigkeiten.

An diesem Wochenende habe ich frei. Keine Termine. Keine Verpflichtungen. Einfach mal Zeit. Zeit für die kleinen und großen Wunder unserer Welt. Zeit für Kinderlachen und heißen Cappuccino. Zeit für ein warmes Feuer am Kamin. Zeit für die Vögel, die am Himmel fliegen und die Regentropfen auf den Grashalmen. Zeit, mir meine Welt einmal mit viel Phantasie anzuschauen. Hier. Da. Überall.

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Der Kalender schweigt immer öfter. Seltener erzählt er von großen Feiern und bunten Lichtern, seltener vom Takt der Musik und vom Schall der Schritte, der über Tanzböden fegt und in den Ohren der Menschen meist unbemerkt verschwindet. Er schweigt und lässt Platz für Träume und Geschichten, für Märchen und Abenteuer. Eine Idee von Kerzenlicht und Spaziergängen über zugefrorene Äcker. Langsam wirft der Regen seine Tropfen an die Scheibe und der Wind spielt im Laub der Bäume. Sein Spiel und sein Rauschen wirft mich aus meinen Gedanken und bringt mich zurück an diesen Ort. Ich drehe die Heizung auf. Zum ersten Mal in diesem Herbst.

Herbst. Ein Wort in bunten Farben. Ein Wort, voller letzter Sonnenstrahlen und noch nicht gestorbenen Hoffnungen. Ein Wort, das seine Träume an der einen und die Melancholie an der anderen Hand hält. Herbst. Ein Wort, das ein Bild der Veränderung malt und mit ihm die Geschichten von Kerzen und Wärme, von Dunkelheit und Kälte erzählt. Ein Wort voller Gegensätze. Ein Lieblingswort.

Es ist diese Schwere, die ich spüre. Und die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster scheinen. Es ist der Wind, der an den Läden rüttelt und die Klarheit, die meine Lungen füllt. Ich fahre den Rechner runter, drehe die Heizung aus. In dem alten Schrank, im Zimmer unterm Dach, hängt meine Jacke. Mit ihr unterm Arm entfliehe ich dem einen Abenteuer und stürze mich ein anderes. An diesem schönen Tag. Am Anfang vom Herbst. Und vielleicht erzähle ich Dir diese Geschichte. Vielleicht.