Ein letztes Mal

Dieser Tag, heute, ist eine einmalige Chance. 

Es gibt gute Filme. Richtig gute Filme. Es gibt Filme, die so gut sind, dass wir sie zweimal, dreimal oder öfter ansehen. Und manchmal leben wir, als wäre unser Leben einer dieser Filme. Doch der Unterschied ist, im Gegensatz zu diesen Filmen, können wir unser Leben nur einmal ansehen. Vielleicht ist das der Punkt, der unser Leben so magisch macht. Eines Tages erkennen wir, dass wir nicht für immer hier sein werden. Es kommt der Tag, an dem wir ein letztes Mal etwas Großartiges essen, ein letztes Mal einen wunderbaren Geruch wahrnehmen, ein letztes Mal einen geliebten Menschen umarmen. Aber wir wissen nie, wann es so weit sein wird. 

Vielleicht ist es das Geschenk, welches uns das Leben bereitet, nicht zu wissen, wann das Ende naht. Wie wäre es, hätten wir eine Ahnung davon, wann unsere letzte Stunde schlagen wird? Was wäre, wenn wir wüssten, dass uns noch 40, 50 oder 60 Jahre gegeben wären? Welchen Wert hätte die Zeit, wenn wir genügend von ihr hätten? Oder was wäre, wenn uns bewusstwürde, dass uns nur ein paar Tage, ein paar Stunden blieben? Könnten wir sie genießen oder würden wir uns, aufgrund verpasster Chancen, in eine tiefe Trauer stürzen?

Ein Leben.

Draußen, vor der Haustür, kündigt sich der Frühling an. Unter den Hecken, am Rande der Straße, dort wo die Siedlung endet und der kleine Wald beginnt, blühen die ersten Schneeglöckchen. Krokusse stecken zaghaft ihre zarten Köpfe aus dem Erdreich. Von einem der Bäume fällt eines der letzten Blätter hinunter. Langsam. Leicht. Fast vom Wind getragen. Es legt sich auf den nassen Boden, wo es sich mit der Zeit zersetzt. Das ist das Leben. Tod und Verfall, der neues Leben nährt. Ein ewiger Kreislauf zwischen Wärme und Kälte. 

Etwas weiter entfernt, noch ein Stück weiter, mitten in der Stadt, sitzt ein Mann in seinem Büro. Das blaue Hemd faltenfrei, die Hose makellos. Während er damit beschäftigt ist, die Zahlen auf dem Bildschirm miteinander zu vergleichen, klingelt sein Telefon. Ein Gespräch über Termine, Seminare und Vorstandssitzungen. Er notiert sich einige Dinge und macht sich an seine durchweg strukturierte Zeitplanung. Dieses Zeitmanagement hilft ihm, noch mehr in den Tag zu packen, noch mehr zu leisten und insgesamt effektiver zu sein. 

Er ist der Kopf des Unternehmens, das Aushängeschild der Firma. Fotos zeigen sein Gesicht und seinen Namen findet man in den Texten der Zeitungen. Die Leute schauen zu ihm auf. Er ist erfolgreich. Vermögend. Und er macht vieles, damit dieses so bleibt. Irgendwann wird er sich ausruhen können, auf den Lorbeeren seiner Arbeit. Davon ist er überzeugt. Aber macht ihn das zu einem reichen Menschen?

Vielleicht wird ihm eines Tages eine Widrigkeit zustoßen. Vielleicht wird er im Angesicht eines Verlustes erkennen, dass jeder Moment ein Geschenk ist und das er viele dieser Geschenke nicht angenommen oder einfach übersehen hat. Vielleicht wird er begreifen, dass er sich zu viele Sorgen gemacht oder sich zu sehr auf Dinge konzentriert hat, die ihm wichtiger erschienen. Ja, vielleicht wird er sehen, dass er manchmal mehr Abstand gebraucht hätte, um die Momente zu erkennen, die sein Herz berührt hätten. Vielleicht…

Ein anderes Leben.

Leben

Ich weiß es nicht. Doch scheint es mir in der heutigen Zeit fast normal, dass wir mehr in der Vergangenheit leben, indem wir etwas bedauern oder in der Zukunft, indem wir diese strukturiert planen. Natürlich ist es gut, uns auf die Zukunft zu freuen, sie zu planen und langfristig auf eine bessere Zukunft hinzuarbeiten. Aber wenn wir dabei die Schönheit des Augenblicks verpassen und den Moment nicht mehr wahrnehmen, geraten wir in eine Falle.

Dieser Tag, heute, ist eine einmalige Chance. Eine Chance, die niemals wiederkehrt. Wir haben die Möglichkeit, an unseren Träumen und Zielen zu arbeiten, die Möglichkeit das zu tun, was uns wirklich glücklich macht. Dieser Tag ist nicht wie die Filme, die wir uns wieder und wieder ansehen können. Er läuft nur ein einziges Mal ab.

Deswegen sollten wir uns genau überlegen, was wir tun möchten. Eines Tages essen wir unsere letzte Mahlzeit, trinken ein letztes Mal unser Lieblingsgetränk. Eines Tages haben wir zum letzten Mal die Möglichkeit die Schneeglöckchen blühen zu sehen oder den Menschen zu sprechen, der uns wirklich etwas bedeutet. Und darum sollten wir jeden Tag das, was wir tun, mit Leidenschaft tun. Und wir sollten lernen, die wenigen Jahre, die wir haben zu schätzen, weil das nun mal alles ist.

Wenn uns die Zahlen auf dem Bildschirm, das Zeitmanagement und die Stunden im Büro glücklich machen, dann ist das wunderbar. Wenn dem aber nicht so ist, dann sollten wir damit beginnen, etwas zu ändern. Wir sollten zu dem Menschen werden, der auch bei Regen ein fröhliches Lied pfeift, weil wir erkannt haben, dass jeder Moment ein Wunder ist, für das wir dankbar sein dürfen. 

Es kommt auf die Sichtweise an.

In dem Haus, auf der anderen Straßenseite, gegenüber von dem kleinen Wald lebt eine junge Mutter. Eines Tages machte sie sich große Sorgen, da ihre kleine Tochter in dem Wald geblieben war, als draußen ein heftiges Gewitter tobte. Aufgebracht und in Angst lief sie zwischen den hohen Bäume umher, um ihre Tochter zu finden. Diese allerdings tanzte im Regen und blieb jedes Mal stehen, wenn einer der Blitze am Himmel zuckte. Dabei blickte sie nach oben und lächelte.

Ihre Mutter fragte, was sie dort machen würde und ob sie keine Angst vor den Blitzen hätte. Da schaute die Kleine zu ihrer Mutter und lächelte: „Nein Mama. Ich habe keine Angst. Die Welt macht Fotos davon, wie ich mich über den Regen freue.“