Die Veränderung Halte Dich von der Masse fern

Wenn es eine echte Konstante in meinem Leben gibt, die sich durch all die Jahre wie ein roter Faden zieht, dann ist es die Veränderung. Die Veränderung ist ein Bestandteil meines Lebens. Ich kann sie nicht abschütteln. Auch wenn ich es wollte. Doch mittlerweile möchte ich es gar nicht mehr. Sie gehört zu mir. So sehr, wie der Tod zum Leben dazugehört.

Die Veränderung war immer da. Immer. In jeder Phase meines Lebens. In jedem Jahr. Immer wieder hat sie mir die Hand geschüttelt und mich dabei – mal langsam, mal schnell – in eine andere Richtung gedrückt. Auf einen anderen Weg gelenkt. Manchmal hat mir das Angst gemacht. Manchmal wurde ich traurig. Es gab Tage, an denen ich wütend war und Tage, an denen ich mich freute. Doch jedes Mal, wenn ich mich wehrte, bemerkte ich, dass mir der Widerstand gegen die Veränderung nicht guttat.

Manchmal kamen Veränderungen in mein Leben, die auf den ersten Blick düster schienen. Negativ. Manchmal waren sie so dunkel, dass ich traurig wurde und gleichzeitig Angst hatte. Doch rückwirkend betrachtet konnte ich feststellen, dass diese Veränderungen nur Platz in meinem Leben geschaffen haben, damit Neues entstehen konnte. Und denke ich heute darüber nach, erfüllen mich selbst die dunkelsten Veränderungen mit Dankbarkeit.

Veränderung
Du kannst Dein ganzes Leben lang derselbe sein

Du kannst Dein ganzes Leben lang derselbe sein. Du kannst einen Job erlernen, in diesem arbeiten und irgendwann in Rente gehen. Jedes Jahr Mallorca-Urlaub, sonntags auf dem Sportplatz und mittwochs mit den Jungs in die Kneipe. Du kannst Dich von montags bis donnerstags auf den Freitag, den Samstag und den Sonntag freuen. Und all das, wirklich – alles – ist in Ordnung. Solange Du glücklich bist.

Ich kann das nicht. Bei mir funktioniert das nicht. Ich habe im Baustoffhandel gearbeitet, war hauptberuflich für den Naturschutz aktiv. Kümmerte mich um Menschen mit Benachteiligung und verkaufte Telefonverträge an der Haustür. Besser gesagt: ich habe Klinken geputzt. Anschließend habe ich Ideen verfolgt und bin auf die Fresse gefallen. Richtig. Tief. Im Schlamm. Mit Gerichtsvollzieher und Haftandrohung. Dann bin ich wieder aufgestanden. Hauptschulabschluss und ein Realschulabschluss, der ganz okay ist – aber nicht mehr. 6 Jahre unter dem Vorstand einer Bank. Seitdem selbstständig.

1997 zerbrach ich zum ersten Mal. 2000 zum zweiten Mal. 2006 zum letzten Mal. Da erkannte ich, dass Veränderungen ein Teil meines Lebens sind. Dazugehören. Zu mir. Zu meinem Leben. Zudem, was ich bin. Ich bin immer ein Stück Veränderung. Die einzige Konstante, die dauerhaft, seit Anbeginn, zu mir gehört. Wenn ich mich dagegen wäre, zerbreche ich. Wenn ich sie nicht akzeptiere, falle ich in ein dunkles Loch. Das versteht nicht jeder und muss auch niemand.

Ich weiß nie, ob es besser wird.

Es ist so. Jede Veränderung hat ihre Melancholie. Selbst diejenigen, die wir uns wirklich herbeisehnen. Wir müssen einem Teil in unserem Leben Lebewohl sagen. Wir müssen uns verabschieden. Loslassen. Und erst dann, wirklich, erst dann, können wir einen neuen Teil beginnen.

Manchmal tritt die Veränderung langsam in mein Leben. Manchmal bemerke ich sie kaum. Aber es gibt Momente, da klopft sie mir ganz plötzlich auf die Schulter. Unangekündigt steht sie hinter mir und fragt: „Was ist jetzt?“ Dann muss ich mich entscheiden. Schnell. Ich habe immer die Wahl. Immer. In jeder Situation. Das einzige, was ich bedenken muss ist, ob ich mit den Konsequenzen meiner Entscheidung leben möchte. Ehrlich? Ich weiß meistens nie, ob es besser wird. Vielleicht wird es schlechter. Auf den ersten Blick. Doch irgendwann, wenn ich zurückblicke, dann war es richtig. So ist es immer gewesen.

Halte Dich von der Masse fern.

Der gestrige Abend. Er war anders geplant. Wir wollten gemütlich auf dem Sofa sitzen. Meine Frau und ich. Ein oder zwei Folgen House of Cards. Wahrscheinlich wären es mehr geworden. Aber wie gesagt, es kam anders. Das Telefon klingelte und meine Frau war verschwunden. Für Stunden.

Ich saß alleine. Auf dem Sofa. Als ich mich auf Facebook ablenkte und die Zeit vertreiben wollte, entdeckte ich einen Link. Steffen Böttcher. Stilpirat. Martin Krolop. Im Heidestudio. Ein Livestream. Vor einiger Zeit durfte ich Steffen während eines Workshops im Heidestudio kennenlernen und seitdem bin ich mir sicher, dass ich niemals zuvor, an einem Tag, mehr gelernt habe. Nicht über die Fotografie. Viel mehr über das Leben. Steffen ist ein toller Mensch, ein begnadeter Fotograf und ein toller Sprecher. Wenn er spricht, höre ich zu. Viel mehr noch. Ich verstehe, was er sagt. Tut mir leid, wenn ich das jetzt sagen muss: Meine Lehrer damals, in der Schule, haben das nie geschafft.

Steffen Böttcher
Steffen Böttcher

Sie sprachen über dies und das. Über Fotografie. Über Social-Media, Dauerwerbesendungen und vieles mehr. Ich musste die Zeit gar nicht vertreiben. Sie verflog. Und in einem Moment sagte Steffen einen Satz, der mich begeistert, gefesselt und zum Nachdenken angeregt hat. Halte Dich von der Masse fern.

Er sagte diesen Satz in Bezug auf die Fotografie. Er sagte nicht, man solle sich von der Masse abheben. Er sagte, wortwörtlich, „Halte Dich von der Masse fern“. Ein ganz neuer Denkansatz in meinem kleinen Leben.

Kein Vorzeigeunternehmer

Ganz bestimmt. Ich bin kein Vorzeigerunternehmer. Keiner, der in der nächsten Zeit einen Preis für sein hervorragendes Unternehmen gewinnen wird. Ich mache nicht alles richtig. Manchmal mache ich vieles falsch. In den Augen der Anderen. In meinen Augen. Und die Veränderungen in meinem Leben tragen sicherlich dazu bei. Ich bin kein Unternehmer, wie er im Buche steht. Ich mache das, worauf ich Lust habe. Und die Veränderungen der Vergangenheit haben immer ihren Teil dazu beigetragen. Es funktioniert. Es könnte besser sein. Zugegeben. Oder schlechter. Auch möglich. Aber ganz egal. Ich bin zufrieden. Meistens.

Ich gebe keine Workshops, weil ich wahrscheinlich ein schlechterer Lehrer bin, als es meine jemals waren. Ich möchte Dir keine Vorträge halten, wie Du Dein Leben besser gestalten kannst, auch wenn ich es vielleicht mal versucht habe. Ratschläge für ein erfolgreiches Unternehmen? Frag mal Deinen Steuerberater. Aber wenn ich Dir einen Tipp geben könnte, dann wäre dieser in Anlehnung an den Satz, den Steffen gesagt hat.

Halte Dich von der Masse fern. Gehe Deinen eigenen Weg. Mach das, von dem Du glaubst, dass es Dich glücklich macht. Selbst dann, wenn andere das vielleicht nicht verstehen können. Oder wollen. Versuche nicht perfekt zu sein. Oder andere zu kopieren. Es spielt keine Rolle, wie Du aussiehst, wie schwer du bist oder welche Laster Du hast. Religion? Sexualität? Hautfarbe? Das ist alles so scheißegal, dass man es nicht einmal erwähnen muss. Gehe Deinen eigenen Weg. Halte Dich von der Masse fern. Öffne die Arme für Veränderungen. Auch wenn sie manchmal dunkel erscheinen, hab keine Angst. Habe keine Angst. Keine Angst.

Eines Tages ändert der Wind seine Richtung!

Manchmal nehme ich mir einen Augenblick. Einen Augenblick Zeit. Ein kostbares Gut in einer viel zu hektischen Zeit. Ich steige in mein Auto und fahre raus. Weit hinter das Dorf. Dorthin, wo man nur selten Menschen trifft. Dann bleibe ich stehen. Stille umgibt mich. Ruhe durchdringt mich. Ich schalte ab und schaue in den Himmel. Manchmal weht der Wind. Die Wolken ziehen von Norden nach Süden. Und manchmal ändert der Wind seine Richtung. Wenn man hinschaut, kann man es sehen.

Weiter, noch weiter hinter dem Dorf, fließt ein Fluss. Jeden Tag. Immer in die gleiche Richtung. Er fließt. Er floss bereits, bevor ich geboren war. Und er wird noch fließen, wenn meine Haut längst Staub im Wind ist. Und auch wenn man glaubt, dass dieser Fluss sich niemals ändern wird, er immer so fließt, wie er gerade fließt, so schafft man es niemals zweimal durch den gleichen Fluss zu gehen.

Leben? Heißt Veränderung. Alles verändert sich. Immer. Und immer wieder. Menschen kommen. Menschen gehen. Und wenn ich dann dort sitze, an dem Fluss, und ihm dabei zusehe, wie er sich sekündlich verändert, dann denke ich über mein Leben nach. Über das was war, das was ist, das was kommen wird. Ja. Es wird sich wieder verändern. Ich werde mich wieder verändern. Doch genau das ist es, was das Leben ausmacht. Veränderung. Und dafür bin ich dankbar. Jeden Tag.

Ein Kommentar

Torsten Luttmann

Geboren 1981, aufgewachsen in Altenoythe. Seit 2014 hauptberuflicher Fotograf, seit 2017 Filmemacher und leidenschaftlicher Autor auf diversen Blogs. Familienvater, Ehemann und Hundebesitzer.

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