In einer fast schon romantischen Verträumtheit schlängelte sich der Fluss durch die weitläufige Landschaft, als wäre er ein lebendiges Wesen, das in sanfter Gelassenheit seine Umgebung erforscht. Die mächtigen Eichen entlang des Ufers standen still, während nur ihre Äste behutsam im Wind tanzten und die letzten Tropfen des jüngsten Regenschauers über die glitzernde Wasseroberfläche streuten. In genau diesem Moment begannen die ersten Klänge von der unscheinbaren Bühne zu schweben. Der Wind trug die Melodien über den Fluss, während die Wolkendecke aufbrach und ein Streifen blauen Himmels durchleuchtete. Es schien, als wolle die Natur signalisieren, dass der Himmel selbst sein wohlwollendes Einverständnis zu dem Ereignis gab, das sich nur wenige Schritte entfernt vom sanften Plätschern des Flusses abspielte. Es war, als wisse der Himmel, dass an diesem Tag, an diesem Ort, Toleranz nicht nur gefeiert, sondern echte Akzeptanz gelebt werden würde. Und in diesem besonderen Moment konnte niemand ahnen, dass die Band „FrauPaul“ später in ihrer Instagramstory verkünden würde, dass es keine Videos des Abends gäbe, da alle zu sehr damit beschäftigt waren, das Leben zu feiern.

Doch beginnen wir dort, wo jede Geschichte ihren Ursprung findet: Am Anfang. Ein Kreis aus guten Freunden, zusammengewachsen aus vielen gemeinsamen Erlebnissen, kam auf die Idee, nicht einfach nur eine Party zu veranstalten, sondern ein kleines Festival zu erschaffen. Sie bauten eine Bühne, auf der sechs Bands spielen sollten und wählten jenen idyllischen Platz unten am Fluss, gelegen unter alten Apfelbäumen. Auf einer großen Wiese spielten Kinder ausgelassen Fußball mit den Tontechnikern, während am Rand des Geschehens die führende Bankangestellte Gespräche mit einem Mann führte, dessen Leben kürzlich aus den Fugen geraten war. Und gemeinsam beschlossen sie, auf Augenhöhe ohne Urteile, dieses gemeinsam wieder in den Griff zu bekommen. Es war ein Ort, der zum Träumen einlud, ein Platz unten am Fluss, an dem einige Hartgesottene von dem Steg aus in die kalten Fluten sprangen. Ein grünes Kanu trieb sanft vertäut auf dem Wasser, während die Seerosen in stiller Vorfreude auf die ersten Blüten zu träumen schienen. Die Luft war erfüllt vom Duft frisch gebackener Waffeln, dem süßen Geruch von Freiheit und leisen Träumen vom Frieden. Lachende Gesichter strömten nach und nach auf das Gelände. Menschen, die sich seit Jahren nicht gesehen hatten, fielen einander in die Arme, als wären sie nie getrennt gewesen. Es war ein Ort voller Geschichten und ungetrübter Freude, ein Platz, der von der Liebe zur Musik durchdrungen war. Und vielleicht war sie das elementare Bindeglied, vielleicht sogar das Fundament dieser Gemeinschaft, das alle Anwesenden vereinte.

Diese Feier war weit entfernt von einem kommerziellen Festival; sie war eine private Initiative, ein Fest aus Freundschaft geboren. An den Theken des Festivals gab es keine Kassen und alle Anwesenden konnte sich nach Belieben beim Essen bedienen. Die Finanzierung des Ganzen war eine gemeinsame Anstrengung aller, und am Ende waren es die kostbaren Erinnerungen an gemeinsam erlebte Freude, die zählten. Ja, es waren die Erinnerungen an wundervolle Momente, gefüllt mit Bildern, die den Dopaminspiegel nicht nur langfristig bereichern, sondern auch in späteren Jahren noch Stoff für Geschichten bieten würden. Vielleicht mag diese Beschreibung ein wenig idealisiert klingen, doch jene, die wirklich dabei waren, verstehen die Bedeutung hinter diesen Worten. Es gab keine Werbung, keine teuren Flyer, kein ausgeklügeltes Marketingkonzept. Es war ein Fest, bei dem Freunde Freunde einluden. Die Menschen kamen aus Hamburg, Berlin, Osnabrück, Oldenburg und anderen Städten sowie Dörfern, um teilzunehmen. Einige fanden später ihren Schlaf in Wohnwagen, andere übernachteten in dem angrenzenden Wohnhaus. Gemeinsam feierten sie von morgens bis tief in die Nacht hinein. Sie tranken, aßen und – was vielleicht am wichtigsten war – sie tanzten. In der Musik fanden sie einen Rhythmus, der alle Unterschiede überbrückte und eine Gemeinschaft schuf, die in diesem einen, langen Tag ihr ganz eigenes Universum bildete. Es gab an diesem Ort nur ein einigendes „Wir“, das in jedem Lachen, jedem Tanzschritt seinen Platz fand.

Das Festival

Festival

Ich habe keinen genauen Zeitplan im Kopf, lediglich einige grobe Ankerpunkte, was vielleicht daher rührt, dass jeder Moment für sich eine eigene Flüssigkeit besaß und die Übergänge zwischen ihnen nahtlos ineinander übergingen. Wenn man jeden Augenblick isoliert betrachtet, ihn stets im Hier und Jetzt erlebt, ohne Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit zu verschwenden, wird Zeit zu einem unwesentlichen Faktor. Sie fließt einfach, und am Ende bemerkt man kaum, wie schnell sie vergangen ist. Auch wenn das auf den ersten Blick wehmütig stimmen mag, ist es doch gerade das, was die Schönheit dieser Momente auszeichnet. Folglich könnte ich sagen, dass die erste Band, „The Deadnotes“, vielleicht gegen 14:30 begann ihre rockigen Töne in die Luft zu werfen.

The Deadnotes

Festival

Aus den Tiefen Freiburgs stammend, brachten „The Deadnotes“ mit ihrem beeindruckend dichten Sound eine kraftvolle Dynamik auf die Bühne. Ihre Musik, eine fesselnde Mischung aus lauten Gitarren und durchdringendem Gesang, vibrierte in der Luft und riss das Publikum mit. Die Texte, zutiefst persönlich und mit einer rohen Ehrlichkeit versehen, erzählten ihre eigenen Geschichten. Jeder Song war eine Offenbarung, ein Fenster in die Seele der Musiker, die mit jeder Note ihre ungestüme Lebensenergie zum Ausdruck brachten. Ihre Live-Performances war; sie war eine kathartische Erfahrung, in der sich die Band mit jeder Faser ihres Seins gab. „The Deadnotes“ sind nicht einfach eine Band – sie sind ein musikalisches Erlebnis, das alle Anwesenden auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitnahm, die noch lange nach dem letzten Akkord nachhallte.

Loose Lips

Neue Musik entdeckt man am besten unter freiem Himmel, live und unmittelbar. Genau diese Erfahrung bot dieses kleine Festival. Es war ein idealer Ort für musikalische Entdeckungen. Die Band „Loose Lips“, eine Formation aus Oldenburg, die erst im Jahr 2019 das Licht der Musikwelt erblickte, besteht aus drei echten Rockern, deren Leidenschaft und Energie spürbar sind. Ihr Sound, eine lebendige Symbiose aus Grunge und Alternative Rock, zog das Publikum sofort in seinen Bann. Mit eingängigen Texten, kraftvollen Riffs und einer feinen Dosierung poppiger Elemente schafften sie es, ihrem Sound eine unverwechselbare Note zu verleihen. Ihre Musik zeichnete sich durch laute, verzerrte Gitarren und dynamische Drumfills aus, und obwohl der Gesamtklang rau erschien, schwang stets eine poppigere, schönere und zuweilen melancholische Stimmung mit. „Loose Lips“ boten an diesem Tag mehr als nur Musik; sie schufen ein emotionales Erlebnis, das die Zuhörerinnen und Zuhörer durch ein Spektrum von Empfindungen führte.

Testsieger

Aus Oldenburg kam auch die Band „Testsieger“. Anfänglich war ich etwas skeptisch gegenüber ihrer ungewöhnlichen Besetzung: zwei Männer, einer an der Heimorgel und der andere am Schlagzeug. Meine musikalische Fachkenntnis ist ehrlich gesagt bescheiden, und ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dem, was ich gerad schrieb, richtig liege. Doch meine Skepsis verschwand recht schnell und die Band „Testsieger“ machte ihrem Namen alle Ehre. Mit einer rohen, elektrisierenden Mischung ihrer Instrumente fesselten sie das Publikum von den ersten Tönen an. Die beiden Musiker beherrschten sie mit einer solchen Virtuosität und Leidenschaft, dass es schien, als würden sie nicht einfach spielen, sondern eine Art musikalischen Sturm entfachen. Spätestens als der Song „Ich tanze“ erklang, gab es kein Halten mehr. Das ganze Publikum, eingefangen von der energetischen Präsenz der Band, folgte dem Befehl der Musik – sie tanzten.

Baby of the Bunch

Die Band „Baby of the Bunch“ aus Berlin in Worte zu fassen, stellt eine wahre Herausforderung dar, denn um die volle Dimension ihrer Bühnenpräsenz zu erfassen, muss man sie tatsächlich live erlebt haben. Ihr Sound ist so vielfältig und farbenfroh wie das Leben selbst, und die Atmosphäre, die sie schaffen, ist nichts weniger als gewaltig. Jeder Versuch, diese Band in Worte zu fassen, könnte tatsächlich voll in die Hose gehen, doch trotzdem will ich versuchen, zumindest einen kurzen Eindruck zu vermitteln.

Als „Baby of the Bunch“ die Bühne betrat, entfachten sie ein wildes Spektakel, das aussah, als würde jemand grelle Lichter, eiskaltes Bier und eine Vielfalt an Farben über die Köpfe der Menge streuen. Ihre Musik ist eine ausdrucksstarke Mischung, die das Publikum unweigerlich in ihren Bann zog. Jeder Song ist ein Manifest ihrer queer-feministischen Generation, ein lautes Statement, das verkündet, dass das Leben viel zu kurz für Kompromisse ist. Diese Band sprengt Grenzen, befreit sich von Konventionen und Klischees und zeigte mit ihrer Performance auf dem Festival, was es heißt, eine ungezähmte Kraft auf der Bühne zu sein. Ihre Kreativität und ihre kompromisslose Art machten diesen Abend und wahrscheinlich jedes ihrer Konzerte zu einer Demonstration künstlerischer Freiheit. Ich schrieb ja bereits, dass es schwer sein würde, das Erlebnis in Worte zu fassen. Und doch kann ich mit Sicherheit sagen, dass „Baby of the Bunch“ eine Band ist, deren Klänge im Gedächtnis bleiben. Noch lange nach dem Auftritt ertappte ich mich dabei, wie ich ihren Hit „Hot Girl Summer“ summte, ein Lied, das nicht nur eingängig, sondern schlichtweg großartig ist.

FrauPaul

Die Bühne wurde übrigens noch einmal praktisch neu definiert, als FRAUPAUL aus Hamburg zum Mikro griffen. Mit einer brachialen Stimmgewalt und einer Präsenz, die so unberechenbar und roh war, dass es fast schon anarchisch wirkte, zerlegten die drei Musikerinnen den alltäglichen Wahnsinn in seine Grundbestandteile. Ihre Songs glichen einer explosive Mischung aus Geschichten, Selbstkritik und Liebeserklärungen – rau, direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Mit eingängigen Hooks und kraftvollen Melodien feuerten sie das Publikum immer wieder an, eine Dynamik, die selbst den zurückhaltendsten Zuschauer in der hinteren Reihe letztendlich dazu brachte, auf die Knie zu gehen und dann, im nächsten Moment, wieder aufzuspringen, um vor der Bühne alles zu geben. FRAUPAUL live zu erleben ist ein Muss; ihre Liveshows sind ein kraftgeladener Ritt durch stimmgewaltige Punk-Hymnen und ein visuelles Spektakel, das man gesehen haben muss.

Die Band navigiert lässig und doch gekonnt zwischen den Genres Punk und Indie. Ihr Stil ist unverwechselbar, geprägt von einem rohen, ungeschliffenen Sound, der die Authentizität und das unkonventionelle Flair der Gruppe unterstreicht. Selbst ein misslungener Sprung auf die Bühne, der in einem Sturz endete, konnte Mary, eine der Musikerinnen, nicht davon abhalten, mit unbändiger Energie weiterzumachen und das Publikum mitzureißen. Sie stand einfach auf und rockte weiter, als wäre nichts geschehen, und riss so das Publikum noch tiefer in den Strudel ihrer energiegeladenen Performance. FRAUPAUL fängt den Geist der Zeit mit messerscharfen Texten und einer knallharten musikalischen Ausführung ein. Ihre Musik ist ein lauter Schrei gegen Konformität, ein wilder Tanz am Rande des Chaos. Ihr Auftritt an diesem Abend war nicht nur ein Konzert, sondern eine explosive Mischung aus Leidenschaft, Musikalität und roher Energie, die jede und jeden in ihrem Bann zog und aufzeigte, was Musik bewirken kann, wenn sie mit Herz und Seele gespielt wird.

Bongloard

Die letzte Band des Abends, Bongloard, hätte wohl den perfekten Schlusspunkt unter die Reihe der Auftritte gesetzt. Zu meinem Bedauern muss ich gestehen, dass ich diesen Moment nicht mehr persönlich erleben konnte. Seit den frühen Morgenstunden, seit kurz nach vier, auf den Beinen, wurde ich nach dem Auftritt von FRAUPAUL von einer Müdigkeit erfasst. In jenem Augenblick entschied ich mich, mich von dem privaten Festival, auf dem ich zu Gast sein durfte, zurückzuziehen. Angesichts der Tatsache, dass ich noch selbst das Steuer meines Autos übernehmen musste und die Option, die Nacht dort zu verbringen, ausschied, war mir klar, dass ich Ruhe finden wollte. Zumal der folgende Sonntag mich spätestens um fünf Uhr früh wieder in die Pflicht nehmen würde. Daher fehlen mir eigene Eindrücke zum Auftritt der Band Bongloard, obwohl mir versichert wurde, dass auch dieser – wie alle Darbietungen jenes Tages – einfach grandios war. Diesem Mangel an persönlicher Erfahrung entspringt auch das Fehlen der dazugehörigen Bilder, was ich zutiefst bedauere. Doch so zeichnet das Leben bisweilen seine eigenen, unvorhersehbaren Wege. Und Sicherheit, vor allem die eigene, sollte immer im Mittelpunkt des eigenen Handels stehen.

Während ich mich auf den Heimweg machte, getragen von der dunklen Nacht und den letzten Nachklängen des Festivals, die in der Ferne verhallten, spiegelte der Himmel über mir, für einen kurzen Augenblick, das Flimmern der vergangenen Stunden wider. Diese Zeit, gefüllt mit Musik, Lachen und tanzenden Schatten, schien fast wie ein Traum – flüchtig, doch unauslöschlich. Es war mehr als ein Fest; es war eine Feier des Lebens in all seinen Facetten, eine Erinnerung daran, dass in den Momenten der Freude, in der Musik und im Miteinander, etwas Tiefgreifendes und Wahrhaftiges liegt. In einer Welt, die oft durch Hektik und Isolation geprägt ist, erinnern uns solche Momente immer wieder daran, dass das Glück im Hier und Jetzt gefunden wird, gemeinsam mit anderen, in der puren Freude des Augenblicks.