Herbst & Winter

Vielleicht ist die Stille unser wahres Wesen.

Ein Morgen im September. Die ältere Dame schlenderte durch die Gänge des Geschäftes und murmelte etwas vor sich hin. Kopfschüttelnd betrachtete sie die Waren, die auf das kommende Weihnachtsfest hinwiesen. Warum es ihr nicht gefiel, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber anscheinend gibt es immer wieder Menschen, die sich daran stören, dass die Weihnachtszeit für den Einzelhandel bereits zu dieser Zeit beginnt.

In der Auslage der Obstabteilung lagen Mandarinen. Gefühlt die ersten der Saison. Lose gelagert in einer Kiste aus Holz. Während ich die Dame längst aus dem Blick verloren hatte, fiel dieser auf die orangen leuchtenden Südfrüchte. Mandarinen. Zugegeben, ich glaube ab einem gewissen Punkt im Jahr, süchtig nach diesen diesem Obst zu sein. Was gibt es Schöneres, als an einem Herbstabend, die Dunkelheit bricht früher über den Tag herein, auf einem bequemen Sessel zu sitzen und bei Kerzenschein Mandarinen zu essen? Mir fällt da ehrlich gesagt, nicht allzu viel ein.

Vielleicht ist die Alternative aus Schokokeksen und heißem Kakao mindestens genauso gemütlich und schön, wie der Genuss süßer Mandarinen. Letzten Endes spielt es keine tragende Rolle. Meiner Meinung nach, ist die eben erwähnte Gemütlichkeit der entscheidende Faktor, der das Besondere am Herbst und am kommenden Winter ausmacht. Und wenn es Anfang Herbst, in den Auslagen der Geschäfte, die ersten weihnachtlichen Artikel zu kaufen gibt, möchte ich mich nicht daran stören.

Apropos Kakao        

Eine der ersten Sachen, an die ich mich erinnern kann, ist, wie ich von meiner Mutter eine heiße Tasse Kakao bekommen habe. Der Himmel war klar und blau. Es war im Winter und es hatte gefroren. In meiner Erinnerung hing Raureif an den Ästen der Bäume, aber da kann ich mich auch täuschen. Den ganzen Tag hatte ich draußen verbracht. Auf den Feldern hinter dem Hof. Unterwegs auf dem tiefgefrorenen Boden. 

Als ich zurück ins Haus kam, taten meine Finger weh. Sie schmerzten so sehr, dass ich weinen musste. Meine Mutter nahm meine kalten in ihre warmen Hände und flüsterte leise: „Ich mache Dir jetzt erstmal einen heißen Kakao. Wenn Du den getrunken hast, dann sieht Deine kleine Welt schon wieder ganz anders aus.“ Es war der tollste und leckerste Kakao, denn ich je getrunken habe. Und einen wie diesen, gab es für mich nie wieder. 

Sie hatte Recht. Meine kleine Welt hatte sich danach verändert. Und ein heißer Kakao bedeutet für mich noch heute Ruhe und Frieden. Dieses Getränk vermittelt Gemütlichkeit und Stille. Wärme und Geborgenheit. Auf jeden Fall auch Herbst und Winter. Demnach ist es kaum verwunderlich, dass ich an kalten Herbst- und Wintertagen gerne auf dem Sofa vor dem Kamin sitze und genüsslich meinen Kakao trinke. Im besten Fall mit Schlagsahne und Schokostreuseln.

Stille und Frieden

Der Sommer hat seine schönen Seiten. Auch er trägt Augenblicke vor sich her, die später zu wunderbaren Erinnerungen werden. Und doch erscheint mir diese Jahreszeit oft zu laut, zu aufgewühlt und zu sehr mit Energie beladen. Manchmal denke ich, dass die Menschen in diesen Monaten unruhiger, schneller und gestresster sind. Die zwei, drei Wochen Jahresurlaub mal ausgeklammert. Vielleicht liegt es daran, dass diese Zeit oft mit zu hohen Erwartungen verknüpft wird. Wehe dem Sommer, der verregnet, nass und kalt daherkommt.

Im Herbst spielt das Wetter keine tragende Rolle. Sicherlich, ein goldener Oktober ist etwas Großartiges. Doch ist niemand verwundert, wenn der Herbst Regen und Sturm im Gepäck hat. Und vielleicht sind es gerade diese Tage, diese verregneten, stürmischen Tage, die uns Ruhe und Gemütlichkeit ins Haus tragen. Vielleicht sind es diese Tage, an denen wir – sofern die Wetterlage nicht allzu extrem erscheint – selbst etwas mehr Ruhe und Stille finden. Und vielleicht ist die Stille unser wahres Wesen, das, was uns am Ende wirklich ausmacht und uns uns selbst ein Stück weit näher bringt. Gedankenspiele, die für niemanden wirklich von Bedeutung sein müssen.

Am Ende weiß ich es nicht. Am Ende darf und muss das jeder für sich selbst entscheiden. Ich für meinen Teil begrüße in jedem Jahr voller Freude den Herbst und den Winter und verspreche, dass ich an diese Zeit keine Erwartungen knüpfe und jeden Augenblick so annehme, wie er mir geschenkt wird. Losgelöst davon, ob in den Auslagen der Geschäfte bereits weihnachtliche Leckereien zu finden sind.