In der Heide

Die Lüneburger Heide ist morgens am schönsten.

Bestimmt gibt es Menschen, die von einer unchristlichen Zeit gesprochen hätten, was auch immer das bedeuten mag. Ich hingegen finde zwei Uhr am Morgen gerechtfertigt. Jedenfalls dann, wenn mir das frühe Aufstehen einen zauberhaften Sonnenaufgang in Aussicht stellt. So kam es, dass ich am gestrigen Tag um jene Zeit aufstand und eine Stunde später hinterm Lenkrad, Richtung Hamburg saß. Um 06:14 Uhr sollte in Undeloh die Sonne aufgehen. Das wollte ich nicht verpassen. Und da ich früh unterwegs war, konnte ich die erste Dämmerung in der Lüneburger Heide gleich mitnehmen.

Natürlich war der Sonnenaufgang in der Lüneburger Heide nicht mein primäres Ziel. Dementsprechend hätte ich später losfahren können. Doch ist die Lüneburger Heide ist in den frühen Morgenstunden am schönsten und das Licht zu dieser Zeit mehr als magisch. Darüber hinaus sind die zahlreichen Wanderwege zur ersten Dämmerung einsam und still. Im Grunde genommen begegnet man niemanden. Allein das war für mich ein Argument, das warme und kuschelige Bett frühzeitig zu verlassen.

Um kurz vor fünf hatte ich den Parkplatz in Undeloh erreicht. Wie nicht anders zu erwarten, war ich allein. Die Fenster, der umstehenden Gebäude waren dunkel. Ich meinte ein Eichhörnchen in einem der Bäume laufen zu sehen, doch genauso hätte es ein Vogel sein können. Der Parkplatz war nicht beleuchtet, so konnte ich nur grobe Silhouetten erkennen und selbst die vermochten es, mich zu täuschen. Mein Ziel an diesem Tag war das kleine, autofreie Dorf Wilsede, welches mitten im Naturschutzgebiet liegt. Doch zunächst – die Zeit nahm ich mir – suchte ich mir ein schönes Fleckchen, um den Sonnenaufgang in vollkommener Ruhe zu genießen. 

Lüneburger Heide am Morgen
Lüneburger Heide Sonnenaufgang

Unterwegs in der Lüneburger Heide

Das erste Mal so richtig in der Heide unterwegs, war ich im Jahr 2020. Damals schickte mich ein Unternehmen aus der Region los, um diverse Landschaftsfotos für verschiedene Kampagnen zu schießen. Durch diesen Auftrag, durfte ich die Lüneburger Heide im Sommer, im Herbst und im Winter erleben. Das Schöne an diesen Aufträgen war, dass mir das Unternehmen freie Hand ließ. So plante ich meine Routen, die Zeiten, als auch die Motive selbst. Wichtig war nur, dass alle Fotos aus dem Einzugsgebiet der Molkerei kamen, was durchaus keine schwere Aufgabe darstellte.

Als ich damals, Ende September zum ersten Mal Wilsede besuchte, erzählte mir ein dort arbeitender Gärtner, dass ich zu spät und die Heideblüte längst verblüht sei. Mit einem Lächeln sagte er mir, dass ich die Hochsaison der Lüneburger Heide knapp verpasst hätte. Witzigerweise traf ich diesen Gärtner in diesem Jahr wieder.

Es war viertel vor acht, als ich nach einem gut 4 km langen Fußweg das Dorf Wilsede erreichte. Ich hatte etwas Hunger und Lust auf einen Kaffee. Allerdings hatte das Gasthaus zum Heidemuseum noch nicht geöffnet, also lies ich mich auf einer Bank nieder und schaute mir eines, der alten Gebäude an. Der Gärtner, der gerade damit beschäftigt war, die Anlagen vor dem Gebäude in Schuss zu halten, schaute zu mir herüber. Ihm fiel auf, dass ich sehr früh schon unterwegs wäre und wollte, wissen, ob ich in Wilsede übernachtet hatte. Natürlich hatte er mich nicht erkannt.  

Selbstverständlich verneinte ich seine Frage und erzählte ihm, dass wir uns schon mal begegnet seien. Allerdings erinnerte er sich nicht daran, was aufgrund der zahlreichen Touristenströme, die Jahr für Jahr das kleine Dorf besuchen, nicht verwunderlich ist. Dennoch kamen wir ins Gespräch. Mit einem sehr ernsten und durchaus besorgten Tonfall sprach er über die lange Trockenheit, die Dürre und darüber, dass diese der Heideblüte in diesem Jahr geschadet hätte.

Er erzählte mir davon, dass die Pflanzen in dieser Zeit Millionen lilafarbene Blüten tragen würden und dass der Blick vom Wilseder Berg eigentlich traumhaft sein würde. Doch stattdessen sei alles zu trocken und das Blütenmeer hätte keine wirkliche Chance. Wahrscheinlich, so meinte er, seien das deutliche Zeichen des Klimawandels, in dem wir uns befänden. Früher hätte er gesagt, warme und trockene Sommer hätte es immer schon gegeben, aber so eine Trockenheit, musste er noch nicht erleben.  

Wilsede Lüneburger Heide

Warum die Lüneburger Heide einfach schön ist.

Die Trockenheit und die fehlende Blüte waren selbst mir aufgefallen. Ich hatte mir zwar auf ein riesiges lilafarbenes Blütenmeer gefreut, enttäuscht war ich dennoch nicht. Die Lüneburger Heide ist für mich zu jeder Jahreszeit schön und immer wieder ein Erlebnis. Und so machte ich mich, nach einem wirklich guten Frühstück auf, zum Totengrund. 

Der Totengrund ist ein Tal mitten im Naturschutzgebiet der Lüneburger Heide. Gut einen Kilometer südöstlich von Wilsede entfernt. Tatsächlich kenne ich es allerdings nur aus dem Herbst, wenn der Nebel über die Heide zieht und sich das rund 30 ha große Areal zu einem mystischen Ort verwandelt. Warum dieses allerdings Totengrund heißt, weiß ich nicht genau. Es gibt verschiedene Theorien und ganz bestimmt auch die ein oder andere Sage, aber vielleicht sollte ich diese noch mal im Herbst erzählen, wenn der Nebel den Totengrund zu einem schaurig schönen Ort werden lässt. 

Vom Totengrund aus machte ich mich auf den Weg zum Wilseder Berg. Dieser Berg ist mit seinen 169 Metern der höchste Berg in der norddeutschen Tiefebene und somit das Herz der Heide. Es heißt, dass man von hier aus, bei klarer Sicht, bis nach Hamburg schauen kann.

Obwohl die Heide an diesem Tag nicht so blühte, wie sie eigentlich könnte, ist die Region der Lüneburger Heide einfach wunderschön. Gerade die Gegend um den Totengrund oder um den Wilseder Berg, die nahezu autofrei ist, eignet sich hervorragend zum Spazieren, wandern und Ausschau halten. Allerdings würde ich es immer noch empfehlen, sich alles in den Morgenstunden anzuschauen, da am Nachmittag dort tatsächlich viel los ist. Ob das in den Herbst- und Wintermonaten genauso ist, weiß ich nicht genau.  Allerdings gehe ich davon aus. Ich war bislang immer nur morgens in der Heide unterwegs, selbst im Winter. Und jedes Mal fiel mir auf, dass die Anzahl der Menschen zum Nachmittag mehr wurde.

Gegen zwölf Uhr war ich zurück am Parkplatz in Undeloh. Dort warteten schon zahlreiche Menschen auf eine der Kutschen, die jene Besucherinnen und Besucher, die nicht zu Fuß nach Wilsede gehen wollten oder konnten, transportiere. Und während jene warteten, hatte ich bereits gute 20 km Fußmarsch hinter mir und machte mich zufrieden auf den Heimweg. Zwar durfte ich an diesem Tag das Blütenmeer der Heide nicht wirklich erleben, trotzdem war es ein wunderschöne Stunden in der Lüneburger Heide. 

Impressionen aus der Lüneburger Heide