Mai

Hallo Mai.

Was für einen Sinn macht es denn, sich über Dinge aufzuregen, die wir doch nicht ändern können?

Fünfundzwanzig Minuten nach Fünf. Im Mai. An diesem Dienstagmorgen. Die Müllabfuhr fährt bereits durch die Schubertstraße und leert eine schwarze Tonne nach der anderen. Im Gegensatz zu den Lichtstrahlen, die sich zaghaft am Horizont zeigen, sind es sicherlich nicht die ersten Tonnen an diesem Tag. Ich laufe an dem orangefarbenen Wagen vorbei und werfe dem Fahrer einen dankbaren Gruß zu, der mir diesen mit einem Lächeln quittiert. Wenige Minuten später höre ich nur noch die Vögel zwitschern. Ich liebe diese Ruhe am Morgen. 

Alles neu macht der Mai. Vielleicht ist an diesem Satz etwas dran. Vielleicht ist der Mai tatsächlich ein Garant für einen Neubeginn, denn wenn ich mit offenen Augen durch die Gegend streife, kann ich deutlich die Zeichen erkennen, die das Leben in diesen Tagen überall zeichnet. Die Gräser gewinnen deutlich an Höhe, das Laub an den Bäumen erstrahlt in einem frischen Grün und natürlich blühen vielerorts die Blüten der Pflanzen um die Wette.

Eine Dusche, ein Frühstück und einen Anruf später, sitze ich am Schreibtisch. Der Himmel hat sich in der Zwischenzeit zugezogen und von dem ersten, strahlenden Licht des Tages bleiben mir nur Erinnerungsfetzen. Das ist allerdings in Ordnung. Diesen Tag schon am Morgen, nur aufgrund des Wetters zu verurteilen liegt mir nicht. Generell möchte ich die Tage nicht mehr beurteilen, sondern sie viel lieber akzeptieren wie sie sind und wie sie kommen. Diese kleine Angewohnheit macht mein Leben einfacher und hilft mir dabei, mich besser zu fühlen. Was für einen Sinn macht es denn, sich über Dinge aufzuregen, die wir doch nicht ändern können?

Tatsächlich verfängt sich mein Blick für einen Moment im Grau der Wolken. Sie wirken wie eine Leinwand, die es mit Farbe zu füllen gilt. Was wäre denn, wenn der Mai wirklich ein Neubeginn wäre? Was wäre, würde ich die alten Lasten der vergangenen Zeit über Bord werfen und somit leicht und frei der Zukunft entgegen segeln? Wie wäre es, würde ich hier und da einen Schnitt machen und das, was mir nicht mehr gefällt oder die Dinge, mit denen ich mich nicht mehr identifizieren kann, hinter mir lasse? Wäre das nicht eine Art Frühjahrsputz? Ein Aufräumen im Geiste?

Ein Neubeginn?

Irgendwann bricht der letzte Tag an. Der letzte Morgen. Der letzte Abend. Irgendwann beginnt die letzte Stunde und es heißt, dass in den letzten Sekunden die wichtigsten Bilder eines Lebens an einem vorbei rasen. Ob das wirklich stimmt? Keine Ahnung. Von mir aus muss ich es noch nicht erfahren, ob diese Annahme wirklich der Wahrheit entspricht.

Aber wenn dem so ist, dann würde ich mich freuen, wenn die meisten dieser Bilder mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Schön wäre, wenn es viele Bilder wären und ich am Ende mit den Worten „Ja, das war meine Zeit hier“, zufrieden die Augen schließen könnte. Beim Schreiben dieser Worte rutscht mir eine kleine Träne aus den Augen, die zur einer Hälfte aus Glück und zur anderen aus Trauer besteht. Ein Sinnbild des Lebens, in dem es für alles ein Gegenteil gibt. 

Aber zurück zum Leben und zu den Bildern die wir malen. Ich bin mir in den letzten Wochen, vielleicht sogar Monaten, besonders aber in den letzten Tagen mehr und mehr bewusst geworden, dass ich den Finger am Auslöser habe. Ich bin die Person, die den Pinsel hält, um die Bilder zu malen, die ich am Ende meiner Zeit in der Galerie meines Lebens ausgestellt werden. Warum also habe ich so oft die Farbe schwarz gewählt, obwohl diese Welt ein Ort voller bunter Farben ist? 

Die Zeit hier endlich und Richard sagte einst, dass alles Schöne endlich sein muss. Vielleicht ist genau das etwas, was wir viel zu oft verdrängen. Vielleicht vergessen wir zu oft, dass das Gegenstück zur Geburt der Tod ist und das alles im Leben ein sicheres Gegenstück hat. Warum also verbringen wir die meiste Zeit des Lebens so, als hätten wir unendlich viel davon? Warum tun wir Dinge, die wir eigentlich nicht tun möchten?

Wahrscheinlich weil wir der Ansicht sind, dass viele dieser Dinge, Tätigkeiten und Aufgaben uns eine vermeintliche Sicherheit bescheren. Doch ich frage mich, ob es diese Sicherheit wirklich gibt oder ob sie vielleicht nur eine Illusion ist, an die wir uns klammern, damit wir nicht gezwungen sind, die Dinge, die wir tun, wirklich zu hinterfragen. 

Alles neu macht der Mai.

Das Grün der Bäume bildet einen schönen Kontrast zum Grau des Himmels. Ein junger Mann schiebt einen Kinderwagen vor sich hier, während eine ältere Frau den Hof kehrt. Über den Dächern des Dorfes zieht eine Elstern Kreise und eine Taube brütet zwischen den Ästen, geschützt vom Laub des Mirabellenbaumes ihren Nachwuchs aus. Das Leben fließt und nicht alles davon können wir beeinflussen. Während der Mann und die Frau sich unterhalten, wahrscheinlich kennen sie sich, krame ich die bunten Farben hervor und beginne langsam ein neues Bild zu malen. Und ich hoffe, dass ich mich eines Tages, in einer hoffentlich noch weit entfernten Zukunft über dieses Bild freuen kann. Mit einem Lächeln. Im Gesicht. 

Alles neu macht der Mai. Ja, vielleicht ist das so. Manchmal, und da haben wir Glück, liegt die Entscheidung bei uns. Und das, sogar öfter als wir denken.