Winter
Winter 2021

Mittlerweile erwische ich mich des Öfteren dabei, wie ich mir selbst sage, dass früher vieles besser war. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mittlerweile in dem Alter bin, genau das sagen zu können. Ob das Allerdings wirklich immer der Fall ist bleibt fraglich. Beim Winter hingegen bin ich mir sicher. Der war früher besser. 

Wie alt ich genau war? Ich kann mich nicht erinnern. Ich war ein Kind. Und es war Winter. Seit Wochen hatte es gefroren und auf den Wiesen und Feldern lag Schnee. Tief im Feld gab es einen kleinen See. Vielmehr war es ein Teich. Oder nur ein flaches Gewässer. Am Rand dieses Gewässers stand eine kleine Hütte. Nicht größer als ein Zelt. Die Jäger nutzten diese, um im Herbst Enten zu schießen. Und wir nutzten in diesem Winter das Gewässer, um auf dem Eis zu spielen. Wir drehten unsere Runden auf Schlittschuhen. Manchmal spielten wir Eishockey. Ich kann mich noch gut erinnern. Wir alle hatten Schlittschuhe, richtige Schläger und einige hatten einen Puck.   

In den Winterferien fuhren wir schon morgens mit den Rädern los. Es dauerte keine zehn Minuten und wir waren da. Tatsächlich hatte es schon damals Vorteile, weit am Rand des Dorfes zu wohnen. Und so tief im Feld war diese gefrorene Wasserfläche fast ein Geheimtipp. Oft waren wir nur zur viert auf dem Eis. Wenn viele Kinder dort spielten, waren wir zu zehnt. Fünf gegen fünf. Eine faire Sache, auch wenn die Spiele nicht immer wirklich fair waren. Manchmal landete das Ende eines Schlägers zwischen Sohle und Kufe und der entsprechende Spieler auf dem Eis. Auszeit. Für einen Moment.   

Mittags fuhren wir für eine kurze Mahlzeit nach Hause. Nicht, weil wir uns aufwärmen wollten, sondern weil wir zum Essen zu Hause sein mussten. Aber es hielt uns nicht lange am Küchentisch. Schnell schnappten wir und Jacke, Mütze und Handschuhe und fuhren wieder los. Wir spielten auf dem Eis, bewarfen uns mit Schneekugeln und hatten einfach eine großartige Zeit. Ja, verglichen mit dem Winter heute, war dieser früher wirklich besser. 

Der Winter im Januar 2021

Es ist Sonntag. Der 17. Januar 2021. Früh morgens. Draußen herrscht Finsternis und die Nacht hat den Schnee ins Dorf getragen. Jedenfalls ein wenig. Die Dächer der Häuser sind bedeckt. Straßen, Wege und Gärten schimmern heller in der durchgehenden Dunkelheit. Da ich in dieser Nacht nicht schlafen konnte, bin ich wach. Seit 2:30 Uhr. Ich sitze am Rechner und warte darauf, dass das erste Licht den Morgen küsst und ich mit meiner Kamera das Haus verlassen kann. Ehrlich gesagt, auch wenn es nicht die Menge an Schnee ist, die wir früher einmal hatten, freue ich mich doch sehr darüber, dass überhaupt etwas gefallen ist. Ja, eine Übung, die ich immer wieder verbessern muss: Mich an dem Erfreuen war gerade ist. Ich werde besser.   

Als der Tag an Helligkeit gewinnt, verlasse ich das Haus. Mit meinem Auto, meiner Kamera und einem Stativ fahre ich los. Raus aus dem Dorf. Nur wenig später stampfe ich mit meinen Gummistiefeln durch den Schnee. Erster. Allerdings ist es nicht wirklich kalt. Temperaturen gerade mal um den Gefrierpunkt. Die Wiesen sind nass und an manchen Stellen voller großer Pfützen. Eisflächen? Fehlanzeige.   

Ich habe schon lange keine Schlittschuhe mehr. Richtige Eisflächen habe ich lange nicht gesehen. Und wenn ich an die letzten Jahre denke, erinnere ich mich meist nur an die Warnhinweise, in denen es hieß, niemand solle die Eisflächen betreten. Wenn sie überhaupt kamen. Die Winter in Altenoythe sind milder geworden. Um ein Vielfaches. Und die Tage, an denen es mal so richtig schneit, sind selten geworden.

Das letzte Mal richtig viel Schnee gab es hier im Januar 2016. Mehrmals am Tag mussten die Anwohner die Gehwege frei räumen. Die Streuwagen waren im Dauereinsatz. Und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie die Jugendlichen der Landjugend mit großen Treckern durch die Straßen fuhren, um die ausgedienten Weihnachtsbäume einzusammeln. Die großen Traktoren und die Anhänger waren nichts Besonderes. Besonders war, dass die Jugendlichen manchmal nicht absteigen mussten, sondern die Tannen aus den Haufen am Wegesrand ziehen konnten. 5 Jahre her.

Winter 2016
Im Winter 2016 fuhr die Landjugend mit Traktoren und Anhängern durch den Dorf. Absteigen mussten sie nicht immer…
… denn manche Anwohner haben ihre Tannen einfach in die Schneehaufen am Straßenrand gestellt.

Fotos im Schnee

Der Winter hat sich verändert. Es ist kein Geheimnis. Und es zu leugnen wäre falsch. Ich laufe also über die feuchte Wiese und stelle fest, dass es nicht leicht ist, leise zu sein. Jeder Schritt erzeugt einen Klang. Sei es das sanfte Knirschen des frischen Schnees und das leichte Plätschern des Wassers, wenn mein Fuß wieder mal auf eine Pfütze trifft. Wildtierfotografie funktioniert in diesen Tagen eigentlich nur in der Ansitzvariante. Aber darauf habe ich heute keine Lust. Ehrlich nicht.

Und doch gelingt mir, wenig später doch noch eine Aufnahme. Zwei Rehe laufen durch die spärliche Winterlandschaft. Sie äsen auf einer Wiese. Ungestört und ruhig. Als ich sie sehe, bleibe ich einfach stehen. Das ist einfach unauffälliger. Rehe reagieren extrem auf Bewegung und ich möchte sie nicht stören. Vielmehr möchte ich mich an ihrem Anblick erfreuen. Irgendwann ziehen sie weiter. Unsere Wege trennen sich und führen in unterschiedliche Richtungen. Trotzdem bin ich dankbar für diesen kleinen Augenblick der Stille. 

Ich mag diese morgendlichen Stunden. Die Ruhe. Die Einsamkeit. Nicht selten vergesse ich dabei die Zeit und verliere mich im Augenblick. Wenn Du mich fragst, ist das der Idealzustand im Leben. Vollkommen im Moment sein und diesen mit allen Sinnen achtsam erleben. Ohne an die Zukunft zu denken. Oder die Vergangenheit. Und dann spielt es am Ende keine Rolle, ob hier gerade viel Schnee oder wenig liegt. Denn das zählt gerade einfach nicht.  

Winter Altenoythe
Winter