Ich nahm noch einen letzten, ausgiebigen Schluck aus meiner fast leeren Kaffeetasse, bevor der Startschuss für einen besonderen Tag fiel. In einer hastigen Bewegung angelte ich mir eines der strahlenden weißen Hemden aus der Tiefe meines Schrankes, zog meine schwarze Krawatte straff und band sie zu einem makellosen Windsor-Knoten. Über dem Hemd trug ich eine aristokratisch fast anmutende Weste. Ich stylte meine Haare mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, schlüpfte in meine blaue Jeans und schnürte meine Chucks, als gäbe es kein Morgen. Mit typischer Vorfreude sprang ich in das Auto und schoss über die Autobahn, die mich direkt nach Rastede führen sollte. Die Route über die A293 aus Oldenburg erforderte gerade einmal 18 Minuten. Rastede war an diesem Tag Schauplatz des „MPS“, des Mittelalterlich Phantasievollen Spectaculums, einem Festival, das die Vergangenheit sowie die Fantasie heraufbeschwor. Dank Julia und der Band „Feuerschwanz“, die an diesem Tag als Headliner fungierten, fand sich mein Name auf einer Gästeliste. Es war ein tief bewegendes Gefühl, in der Schlange zu stehen, die Minuten bis zur Kasse zu zählen und dann der überaus freundlichen Kassiererin mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Demut sagen zu dürfen, dass unsere Namen bereits auf der Gästeliste vermerkt waren. Sie lächelte herzlich, durchstöberte ihren Stapel und reichte uns unsere Freikarten. Ihre Freundlichkeit und die Freude, die sie ausstrahlte, verstärkten mein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass ich den Eintrittspreis sparen durfte. Dennoch schien der Eintrittspreis von 66 Euro pro Person in diesem Moment mehr als gerechtfertigt, zumindest für jene, die sich mit Vorliebe den Darbietungen der in der Szene bekannten Bands hingeben wollten.

Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum, oder kurz MPS, ist so etwas wie der Rockstar unter den mittelalterlichen Festivals in Europa. Dieses Event ist nicht einfach nur ein weiteres historisches Nachspiel, nein, es mischt das gute alte Mittelalter mit einer Prise Fantasie, sodass es beinahe wirkt, als hätte jemand die historische Zeit in mit ein paar Seiten aus einem Märchenbuch in einen Mixer geworfen. Die Idee ist grandios: Echtes Mittelalter trifft auf Zauberwald-Flair. Und so finden sich auf dem Programm natürlich die Klassiker wie berittene Ritterturniere und Musikperformances, die alles von mittelalterlichem Folk bis hin zu Bardenliedern abdecken, die so authentisch sind, dass man fast erwartet, dass gleich ein Minnesänger um die Ecke kommt. Aber das MPS geht noch einen Schritt weiter und peppt das Ganze mit Elementen auf, die streng genommen historisch nicht ganz korrekt sind. Da laufen dann Gestalten in Kostümen herum, die so fantasievoll sind, dass sie direkt aus einem Rollenspiel entkommen sein könnten. Das bringt natürlich nicht nur die Hardcore-Geschichtsfans, sondern auch eine ganze Armada von Fantasy-Begeisterten und Mittelalter-Rollenspielern auf den Plan, die hier die Möglichkeit bekommen, in eine Welt einzutauchen, die sowohl bildend als auch bombastisch unterhaltsam ist. Das ist der Clou an der Sache: Bildung trifft auf Entertainment, und das zieht die Massen an. Jedes Jahr strömen Tausende zu den MPS-Events, die quer durch Deutschland ihre Zelte aufschlagen – eine mittelalterliche Tournee, die ihresgleichen sucht.

Wir schlenderten erst einmal über den großen Markt, vorbei an Ständen, die so ziemlich alles anboten, was das mittelalterliche Herz begehrt. Dort fanden sich Gewänder, die aussahen, als hätte sie der Schneider des Königs persönlich genäht, Schmuck, der jedes Burgfräulein und jeden Ritter neidisch gemacht hätte, und dann Kräuter und Gewürze, die die Luft mit einem Aroma füllten, das man sonst nur in den Küchen der alten Burgen vermuten würde. Rüstungen und Waffen gab es auch, allerdings nur zum Spiel und nicht für echte Fehden. Okay, die Bögen waren echt. Für einen Moment überlegte ich, mir einen zu kaufen, aber dann dachte ich: „Wann zur Hölle brauche ich den?“ und ließ ihn liegen. Mitten auf dem Platz war dann dieses riesige Lager aufgeschlagen. Mittelalterfans hatten sich da in Zelten eingerichtet, die aussahen, als kämen sie direkt aus einem Geschichtsbuch. Und die Leute selbst? Natürlich in voller Gewandung, als ob sie gerade aus einer längst vergangenen Zeit kamen. Überall knisterten Lagerfeuer, und es wurde so gekocht, dass allein das Zusehen eine wahre Freude war. Die Gerüche? Ein Traum! Uns zog es zum Turnierplatz, weil sich dort etwas Großes anbahnte. Ein Turnier und das war wahrlich keine kleine Nummer. Berittene Frauen und Männer, die sich in verschiedenen Disziplinen duellierten, eingebettet in eine Geschichte von Gut gegen Böse. Die Personen hinter diesem Event sind wahre Künstler darin, historisches Flair mit einer Prise Märchenzauber zu mischen. Es war, als würde man live miterleben, wie Geschichte geschrieben wird – wobei natürlich jedem klar war, dass es sich nur um eine Show handelt. Trotzdem war es unfassbar beeindruckend.

Nach dem Turnier zogen wir weiter über den Marktplatz, vorbei an Kleinkünstlern, die offensichtlich nie von der Bühne gezerrt wurden, weil sie einfach zu unterhaltsam waren. Mittelalterliche Bands spielten auf, als gäbe es kein Morgen – und ehrlich gesagt, in der damaligen Zeit gab es den vielleicht auch nicht. Unser Hunger trieb uns zu den Essensständen, wo die Auswahl unfassbar groß und die Entscheidung eine echte Qual war. Von archaischen Fleischbergen bis zu feingeschliffenen vegetarischen / veganen Optionen, die vermutlich ein Oger mit Tofu-Affinität verschlingen würde – alles war im Angebot. Die Düfte waren so verlockend, dass man glatt vergaß, dass man im 21. Jahrhundert und nicht im 12. ist. Allerdings musste man bei den Preisen, die an die Kosten einer kompletten Ritterrüstung erinnerten, doch etwas vorsichtiger sein – mein Portemonnaie fühlte sich an diesem Tag eher mittelalterlich leer als fürstlich gefüllt an.

Trotzdem ergatterten wir etwas wunderbar Essbares, ließen uns auf einer der vielen Bänke nieder und widmeten uns unserer Mahlzeit. Während wir so dasaßen und mümmelten, zog die ganze Bandbreite des Mittelalters an uns vorbei. Ritter, die so authentisch aussahen, dass man sich wunderte, ob sie nicht gleich zum Turnier zurückmussten, Burgdamen, die in ihren Roben wahrscheinlich mehr Stoff trugen als mein ganzes Bettzeug, und natürlich die üblichen Verdächtigen: furchteinflößende Orks, zierliche Elfen, ruppige Piraten und allerlei andere Gestalten aus der historischen und mythischen Mottenkiste. Dazwischen mischten sich die „normalen“ Festivalbesucher, die ohne Kostüm auskamen. Das Schöne beim MPS ist nämlich, Du musst nicht aussehen wie aus der Zeit gefallen, um dazuzugehören. Hier ist jeder willkommen, egal ob in voller Montur oder in Jeans und T-Shirt.

Musik auf dem MPS

Mein absolutes Highlight beim MPS war natürlich die große Musikarea, wo gleich drei Bands die Bühne rockten: „Waldkautz“, „Subway to Sally“ und natürlich „Feuerschwanz“, die als Headliner den Tag beenden würden. Zugegeben, von „Waldkautz“ hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört, und ihren Auftritt haben wir auch verpasst. Ob mir da was durch die Lappen gegangen ist? Keine Ahnung, das lasse ich mal so im Raum stehen, weil ich es nicht beurteilen kann und möchte.

Subway to Sally hingegen, kenne ich. Seit 1990 mischen sie aus Potsdam die Musikszene auf, indem sie Mittelalter-Rock mit Heavy Metal und Folk kombinieren. Ihre Texte sind ein tiefgründiger Mix aus Historischem und Mythischem, oft poetisch verpackt und reichen von Liebesballaden bis zu gesellschaftskritischen Tiraden. Auf der Bühne sind sie eine Macht, bekannt für ihre energiegeladenen Performances, die jedes Mal aufs Neue beweisen, warum sie in den deutschen Charts schon manches Mal weiter oben standen.

Dann kam der Auftritt von Feuerschwanz. Die Jungs und Mädels haben 2004 angefangen, Mittelalter-Rock auf eine Art zu zelebrieren, die sowohl humorvoll als auch voller Energie steckt. Sie nehmen sich selbst und das ganze Mittelalter-Thema nicht zu ernst, was man sofort merkt, wenn sie mit Dudelsack, Drehleier und Harfe bewaffnet, die Bühne stürmen. Ihre Texte sind eine wilde Mischung aus Trinkliedern und scharfzüngigen Kommentaren zu allem Möglichen, immer mit einem Augenzwinkern. Die Live-Shows? Ein Spektakel, bei dem traditionelle Instrumente auf harte Rockmusik treffen, untermalt von einer Bühnenshow, die so mittelalterlich ist, dass man glatt meinen, man sei in einer Zeit gelandet, in der Geschichte und Moderne sich ein Ja-Wort gegeben haben. 

Um Mitternacht neigte sich das MPS für uns seinem Ende zu. Die letzte Note verklang in der Luft, und die Stille der Nacht legte sich wie ein Mantel über das Gelände. Nur das Knistern der zahlreichen Lagerfeuer war noch zu hören, ein sanftes Flüstern von Geschichten aus einer Zeit, als phantastische Wesen noch in den Gemäuern von Hütten, Häusern und Burgen umhergeisterten. Mit einem wehmütigen Gefühl im Herzen verabschiedeten wir uns von diesem magischen Ort und machten uns auf den Weg zurück in die Gegenwart. Das Auto wurde zum Zeitgefährt, das uns sanft aber sicher aus dem mittelalterlichen Traum in die Realität chauffierte. Um halb fünf morgens riss der Wecker mich aus meinen Träumen, und der Alltag hatte mich wieder. Doch ich war um eine Erinnerung reicher – eine Erinnerung an einen Tag, der so wunderbar, fantasievoll und mittelalterlich war, dass er sich tief ins Gedächtnis eingraviert hatte. Die Weste, die ich trug, roch noch nach dem verbrannten Eichenholz der Lagerfeuer und den unvergessenen Momenten eines Tages, die mich in der Zeit zurückversetzt hatten.