Morgenstimmung

Hinter dem Vorhang der Nacht verbirgt sich manchmal ein lächelnder Morgen.

Morgens 3:38 Uhr, in der Küche. Die Kaffeemaschine hat ihre Arbeit aufgenommen. Ich blicke durch das Küchenfenster in die Dunkelheit der endenden Nacht. Die Straße vor dem Haus ist menschenleer. Nur das Ticken der Uhr unterbricht die Stille. Keine ganze halbe Stunde später ziehe ich die Haustür hinter mir zu. Ich möchte ins Feld, um dort dem Tag beim Erwachen zuzusehen.

Morgens ist die Welt in Ordnung. Vorausgesetzt, ich habe die Tageszeitung noch nicht gelesen. Ehrlich gesagt, denke ich schon manchmal darüber nach, mich diesem Medium vollkommen zu entziehen. Oft habe ich das Gefühl, die Nachrichten müssen immer schrecklicher, aufregender und angsterfüllender sein. Ich habe zuweilen das Gefühl, dass nichts Gutes mehr in der Welt geschieht. Aber tief in mir drin, bin ich mir vollkommen bewusst, dass genau das nicht stimmt. Diese Welt ist immer noch ein wunderbarer und wunderschöner Ort. Und gerade in den ersten Stunden des anbrechenden Tages zeigt sie mir dieses immer und immer wieder. 

Über dem Fluss, der sich durch das Feld schlängelt und jeden Tag Richtung Norden fließt, steigt Nebel auf. Aber auch auf den Wiesen, am Rande des Waldes zieht über das Land. Eine Ricke äst mit ihren zwei Kitzen über das Gras und sucht sich die besten Leckereien aus, während aus dem Wald heraus ein Rehbock schreckt. Aufmerksam heben die drei ihren Kopf, schauen sich um und ergreifen nach einiger Zeit die Flucht. Warum der Bock geschreckt hat, vermag ich nicht zu sagen. Bei dem Gedanken, dass unweit von diesem Flecken Erde vor nicht allzu langer Zeit ein Wolf spazieren ging, wird mir doch etwas mulmig. Aber so schnell wie der Gedanke gekommen ist, vertreibe ich ihn wieder.  

Etwas skeptisch bin ich schon. Im Norden hängen einige Wolken am Himmel. Ziehen sie nach Osten, bleibt mir der Blick auf den Sonnenuntergang vielleicht verwehrt. Aber dann ist es so. Sich über Dinge zu ärgern, die ich selbst nicht ändern kann, ist nicht mehr als verschwendete Zeit. Und darüber nachzudenken, was sein könnte wenn, steht dem in Nichts nach. Nein, statt mich also zu fragen, was sein könnte, gehe ich einfach ein Stück weiter Richtung Osten und freue mich über den Tag, der gerade dabei ist, aus seinem Schlaf zu erwachen. Ja, ich freue mich darüber, denn hinter dem Vorhang der Nacht verbirgt sich manchmal ein lächelnder Morgen. Und heute scheint das Glück an meiner Seite zu sein. 

Die Wolken bleiben, wo sie sind. Tatsächlich beginnen sie damit, sich langsam aufzulösen. Aus dem dunklen, kalten Blau der Nacht wird das leuchtend warme Orange des Morgens. Die Vögel in den Zweigen der Bäume haben längst begonnen ihre fröhlichen Lieder zu singen. Der Sandweg unter meinen Füßen ist trocken. Hasen laufen durch das feuchte Gras der Wiesen. Und der Nebel gibt dem ganzen Bild seine ganz besondere Note.  

Um 20 Minuten nach Fünf zeigt sich die Sonne über den Spitzen der Bäume. Ein glühender Punkt, der in nahezu rasender Geschwindigkeit gen Himmel steigt. Natürlich ist mir bewusst, dass sich die Sonne nicht bewegt und wir es sind, die um sie herum kreisen. Aber wie schnell unser Planet genau das macht, vergesse ich zu oft. Doch in den Morgenstunden, in denen ich mir die Zeit nehmen kann, den Sonnenaufgang zu beobachten, wird mir dieses immer und immer wieder bewusst.

Zeit. Sie ist für mich ein unhaltbares Mysterium. Eine Gleichung ohne Lösung. Sie vergeht mit jedem meiner Herzschläge. Und jeder Herzschlag bringt mich dem letzten Schlag ein Stück näher. Wann dieser kommen wird? Wer weiß das schon? Doch zu glauben, ich hätte noch ewig Zeit, ist ein Trugschluss. Zeit lässt sich nicht besitzen. Sie verrinnt wie der das Wasser zwischen meinen Fingern, sie vergeht wie der Tag, der gerade erst begonnen hat. Für mich ist es etwas Gutes zu wissen, dass ich eines Tages sterben werde. Denn zu wissen, dass dieser Sonnenaufgang mein letzter sein könnte, macht ihn für mich noch mal ein Stück besonders.