Sturmgedanken Wenn der Wind ums Haus pfeift.

Die roten Klinkersteine speichern die Wärme des Feuers, während draußen vor dem Haus ein Sturm tobt. Er treibt den Wind ums Haus. Er nutzt die kleinen Ritzen des alten Gebäudes um sein bedrohlich wirkendes Lied zu pfeifen. Doch wenn man hier lebt, dann kennt man das und weiß, dass er nur spielen möchte. Durch das Fenster beobachte ich das Laub, das längst verwelkt und dem Wind nicht standhalten kann. In bunten Herbstfarben fliegt es durch die Luft, während die Flammen im Kamin vor sich hin knistern. Der Kakao dampft von dem Tisch, der früher mal ein Weinfass war und mein Hund liegt zu meinen Füßen. Ganz ruhig und entspannt.

In Gedanken spiele ich damit, mir das alte Buch zu schnappen. Das Buch, in dem die Geschichte des Hauke Haien aufgeschrieben ist. Die Geschichte, die von den Deichen in Nordfriesland erzählt und vom Leben des Deichgrafen, der am Ende mit seinem Leben bezahlen muss. Doch während ich darüber nachdenke, fällt mir wieder ein, dass es längst verloren gegangen und ich mir ein neues besorgen wollte. Irgendwann? Irgendwann ist nur ein Wort für nie. Also tue ich es gleich. Eine gebundene Ausgabe. Ein Buch, dass man gerne in Händen hält.

Oktober. Ich mag den Herbst. Den Sturm. Den Regen. Ich mag es, wenn es draußen ungemütlich wird und man die wohlige Wärme hinter den doppelverglasten Scheiben wieder zu schätzen lernt. Es ist ein Gefühl von Zuhause, ein Gefühl von Geborgenheit und das Gefühl in Sicherheit zu sein, während draußen ein kleines Unwetter sein Unwesen treibt. Und dabei ist es im Grunde genommen nur etwas Wind, der bedrohlich mit der alten Garagentür klappert, deren Schloss ich den ganzen Sommer über reparieren wollte. Manche Dinge bleiben einfach liegen, weil andere Priorität haben. Ich gehe zurück an meinen Rechner. Priorität. Da war doch was.

Aufgeregt rufen meine Jungs nach mir. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Die Hochzeit, auf der ich gerade war, ist wieder in die Ferne gerückt. Es ist kurz vor Mittag. Und das Zelt, in dem meine Jungs so gerne spielen, fliegt durch die Gegend. Richtig hoch. Es stand in der Garage. Der Wind muss das Garagentor aufgeweht und das Zelt nach draußen befördert haben. Mit etwas Sorge blicke ich zu der alten Eiche, die im Sturm plötzlich hin und her weht. Auch der, durch den Regen aufgeweichte Boden, bewegt sich. Hoffentlich geht alles gut. Im Haus duftet es nach Rindergulasch, während die Feuerwehr mit Sirenen an unserem Haus vorbeifährt.

Mittagessen. Fotobearbeitung. Freuen aufs neue Prinz PI Album. Es klingelt an der Tür. Der Schornsteinfeger. Renke bringt Glück ins Haus. Und ein freundliches Lächeln. Und eine Rechnung. Fürs ganze Jahr. Natürlich ist der Sturm ein Thema. Die umgekippten Bäume im Stadtpark, die alten Bäume vor der Wandelhalle in Bad Zwischenahn. Die gesperrten Straßen, die Einsätze der Feuerwehr, die wieder mal an unserem Haus vorbeifährt. Meine Frau schenkt zwei Gläser Cola ein.

Langsam schwächelt der Sturm. Und aus dem Sturm wird Wind. Die Sonne strahlt zum Fenster rein und der jüngste Sohn schlägt mir irgendwas gegen das Treppengeländer. Wahrscheinlich glaubt er, das klingt schön. Vielleicht ist es so. In seinen Ohren. Ich hingegen muss schmunzeln. Und während ich darüber nachdenke, bekomme ich Lust auf Mehlbolzen. Dieses weihnachtliche Gebäck, welches mich heute Morgen, beim Brötchen holen, schon so angelacht hat. Außerdem ist uns die gute Butter ausgegangen und in wenigen Stunden ist Abendbrotzeit. Ich fahr direkt los.

Eigentlich sollte ich dieses Gebäck nicht essen. Eigentlich sollte ich so manches nicht essen. Aber in diesem Fall – die Jungs freuen sich. Sehr sogar. Ich mich auch. Es gibt heißen Kaffee und die Jungs erzählen mir von ihrem Tag. Der Jüngste fragt mich ob er böse gucken kann und während er mich so anschaut, muss ich an den Clown aus ES denken. Pennywise. So wie unser Jüngster könnte er als Kind ausgesehen haben, wäre er ein Kind gewesen. War er bzw. es aber nie.

Sechszehndreißig. Halb fünf. Mein Büro erstrahlt wieder. Heute Abend findet ein Vorgespräch statt und nur der Staubsauger verrät, dass hier heute ein kleiner Aufräummarathon stattgefunden hat. Andor, der mich zwischenzeitlich verlassen und die Nähe des Kamins gesucht hat, kommt die Treppe hoch. Er setzt sich an meine Seite und stupst mir mit der Nase gegen den Oberschenkel. Auf geht es. Und genau das möchte er mir sagen. Ich tippe diesen letzten Satz zu Ende und gehe. Raus. Nach draußen.

Verfasst von Torsten

Torsten Luttmann

Geboren 1981, aufgewachsen in Altenoythe. Seit 2014 hauptberuflicher Fotograf, seit 2017 Filmemacher und leidenschaftlicher Autor auf diversen Blogs. Familienvater, Ehemann und Hundebesitzer.

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