Über das Schreiben

Doch auf das, was außen ist, kommt es nicht an. Was zählt, ist das Innere und dort sieht es beschissen aus.

Der Füllfederhalter zieht seine Bahnen über das Papier, während draußen, vor den Fenstern, die ersten Blätter der Kirschblüten zu Boden fallen. Im herrlichsten Sonnenschein gesellen sie sich zu den vertrockneten Eichenblättern, die der Wind im Frühjahr nach und nach von den Ästen zieht. Zuweilen denke ich, es wäre schön, wenn das Laub der Eiche, ähnlich dem der Kastanie, in einem Schwung zu Boden fallen würde. Aber mancherlei Dinge im Leben brauchen einfach etwas länger.     

Nach und nach füllen sich die leeren Seiten mit geschriebenen Worten. Jedes einzelne Wort trägt dazu bei, dass eine Geschichte entsteht. Eine Geschichte, die vom Leben inspiriert ist. Und während ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass auch diese etwas länger dauert, als ich vielleicht gedacht habe. Doch das macht nichts. Schreiben ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Genau wie die Eiche, die erst jetzt, nach und nach, das längst braun gewordene Laub loslässt, damit der Wind es an einen anderen Ort tragen kann. 

Wir leben in einer Gesellschaft, die ständig damit beschäftigt ist, auf die Uhr zu sehen. Keine Zeit zu haben, ständig umtriebig und dauernd beschäftigt zu sein, ist anscheinend zu einem Statussymbol geworden, welches ein glückliches und zufriedenes Leben bescheinigt. Erfolgreich scheinen die Menschen zu sein, die das größte Auto, die teuerste Uhr und die weiteste Reise vorweisen können. Die Zahlen auf dem Kontoauszug belegen oftmals den Wert eines Lebens. Aber ist das wirklich so? Oder sind vielleicht die Menschen, die sich an der Schönheit eines wildgewachsenen Gänseblümchens erfreuen können, reicher als jene, die sich ständig dem Druck aussetzen, mithalten zu können?

Vielleicht haben wir verlernt, uns nicht zu vergleichen. Vielleicht haben wir verlernt, uns als das zu akzeptieren, wer und was wir sind. Ständig scrollen wir, in einer rasenden Geschwindigkeit, durch die sozialen Medien und saugen das auf, was uns vermeintlich als großartig, schön und erstrebenswert präsentiert wird. Die Wahrheit aber ist, wir sind gut, so wie wir sind. Und jede Narbe, jede Delle, jede Falte und jedes Kilo, von dem wir vielleicht glauben, es wäre zu viel, ist nicht mehr als ein Beweis unseres Lebens. Ich schweife ab, wollte ich doch eigentlich über das Schreiben berichten.

Die Geschichte

Die Hauptperson meiner Geschichte, dessen Namen ich noch nicht verraten möchte, ist durch das Leben ins Wanken gekommen und durch den Druck, welches das Leben mit sich brachte, schon in jungen Jahren gebrochen. Alles, was ihr am Ende blieb, waren eine große Portion Aussichtslosigkeit, ein Schuldenberg und der Glaube, selbst nicht genug zu sein. Dunkle Gedanken, eine tiefe Leere und ein Leben ohne Sinn bestimmten die Zeit der Person. Eine Last, die in ihrer Gesamtheit betrachtet, zu schwer erschien, als dass sie diese zu tragen im Stande wäre. Und so beschloss diese Person mit dem Leben abzuschließen.

Doch das Leben hatte noch etwas anderes mit dieser Person vor und so kam es, dass sie auf einen Mann traf, die sie zwar kannte, aber nicht mochte. Und ohne es zu ahnen, war dieser Mann der Mensch, die diese Person am meisten gebraucht hat. Oder war es vielleicht der Mann, der diese Person noch mehr brauchte? Das Leben spielt manchmal schon seltsame Züge, die wir im Augenblick vielleicht nicht verstehen können, aber am Ende ergeben sie oftmals einen Sinn. So wie ein Rätsel, welches wir am Anfang nicht ergründen können, aber die Lösung uns am Ende glasklar erscheint.

Wie erwähnt, der Füllfederhalter zieht seine Bahnen über das weiße Papier. Und mit jedem Wort, welches einem Baustein gleicht, entsteht eine neue Geschichte. Hier und da müssen immer noch Bausteine umgesetzt werden, damit das ganze einen sicheren Halt bekommt. Hin und wieder fehlen kleine Fenster oder tragende Wände. Aber der Rohbau, in Tinte geschrieben, steht und das erste Manuskript ist fast fertig. Nun folgen bald die Konturen. Sauber getippt und verständlich geschrieben. Ja, ich denke, am Ende ist dieses Projekt wie die Eiche in meinem Garten. Sie braucht länger aber am Ende erstrahlt sie dafür grüner als je zuvor.