Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man sagt, er gewöhne sich an alles. Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden. Und wenn nur genug Zeit vergeht, vergeht auch jeder Schmerz. Doch ich glaube das nicht. Ich glaube, wenn man jemanden verliert, der einem sehr am Herzen lag, dann gewöhnt man sich nie an den Verlust. Und ganz egal, wieviel Zeit vergangen ist, der Schmerz, den man im Herzen spürt, der bleibt für immer.

Vor einigen Wochen feierte Jochen seinen 46. Geburtstag. Es war kein besonders großes Fest. Eher ein Fest in kleinem Rahmen. Die Familie war dar. Und ein paar Freunde. Doch jemand fehlte. So wie er schon die letzten Jahre fehlte. Michael. Jochens bester Freund. Er ist nicht mehr da. Nicht mehr hier. Seit jenem Tag im November lebt er in den Herzen der Menschen weiter, die ihm dort einen festen Platz geschenkt haben.

Manchmal sitzt Jochen in dem kleinen Sessel im Wohnzimmer. Auf seinen Knien liegen die alten Fotoalben. Die Alben, die seine Geschichte erzählen. Die Geschichten aus Kindheitstagen. Die Geschichten seiner Jugend. Und während er durch diese Alben blättert, erlebt er die Geschichte noch einmal. Manchmal lächelt er. Manchmal lacht er. Und hin und wieder kommt es vor, dass eine Träne ihren Weg auf das braune Laminat findet.

„Hör auf mit den Fotos“, hatte Jochen gesagt.

Petra, Jochens Frau, liebte es zu fotografieren. Ständig hatte sie ihre kleine Nikon dabei. Ständig hielt sie alles fest. Jochen war manchmal genervt. Von ihrem Hobby. Denn ständig musste sie alles festhalten. Immer bat sie darum, noch ein Foto machen zu dürfen. Und dann noch eins. Michael störte es weniger. Er lachte über Jochens Ungeduld. Und einmal hatte er ihm gesagt, er solle sich beruhigen. „Du weißt ja nicht, wozu das eines Tages gut sein wird“, hatte er gesagt und danach wieder laut gelacht.

Heute denkt sich Jochen, er hätte es gewusst. Michael hätte es gewusst. Die Geduld, die er hatte, war ihm damals unverständlich. Heute ist er dankbar. Dankbar über jedes Foto, dass Petra auf den verschiedenen Treffen und Veranstaltungen, beim Fußball gucken oder selbst beim Feierabendbier geschossen hat. Sie sind keine Meisterleistung, keine fotografischen Künste – aber sie sind Erinnerungen. An Michael. An Jochens besten Freund.

„Wir haben Zeit genug.“ „Nein! Haben wir nicht.“

Manchmal sind wir der Ansicht, wir hätten noch ewig Zeit. Zeit für die Menschen, die wir lieben. Zeit, mit den Menschen, die wir lieben. Doch das stimmt nicht. Wir haben keine Zeit. Wir können sie nicht besitzen und wir wissen nicht, was geschieht. Ein Augenblick im Leben kann alles verändern. Ein Moment, und alles ist vorbei. Alles geschieht irgendwann zum letzten Mal und dann – dann ist die Zeit, von der wir glaubten, sie könne endlos sein, vorbei.

Und es muss nicht der Tod sein, der alles verändert. Manchmal ist es einfach die Zeit, die die Veränderung mit sich bringt. Jeden Morgen bringe ich meinen Sohn in den Kindergarten. Und immer träumt er vor sich hin, wenn er sich die Hausschuhe anziehen soll. Manchmal bin ich unter Zeitdruck. Oder ich glaube es zu sein. Und dann dränge ich ihn dazu, sich zu beeilen. Manchmal schaut er mich dann an, weil er vielleicht einfach noch nicht versteht, was ich ihm sagen möchte. Oder weil er einfach keine Ahnung hat, was Zeitdruck bedeutet.

In ein paar Jahren wird alles anders sein. Aus meinem kleinen Jungen, wird ein großer Junge. Aus dem großen Jungen ein Jugendlicher. Und aus dem Jugendlichen wird ein Mann. Dann werde ich ihn nicht mehr in den Kindergarten bringen dürfen. Vielleicht wird er dann selbst seine Kinder in den Kindergarten bringen. Und was mir dann bleibt, sind die Erinnerungen an die Tage seiner Kindheit. Die Erinnerungen an die Tage, an denen ich ungeduldig an seiner Seite stand und darauf wartete, dass er endlich seine Hausschuhe anzieht. Wenn ich darüber nachdenke, dann tut es mir leid. Es tut mir leid, dass ich ungeduldig war, dass ich glaubte, keine Zeit zu haben. Und was im Leben kann wichtiger sein, als die eigenen Kinder? Was kann wichtiger sein, als die Zeit, die man mit seinen Kindern, seiner Familie erleben darf? Wenn ich ernsthaft überlege, und mir sogar wirklich Mühe gebe, dann fällt mir nichts wirklich ein.

Fotografiert. Haltet fest. Schafft Erinnerungen.

Wir haben nicht ewig Zeit. Eigentlich haben wir gar keine Zeit. Wir können sie nicht besitzen. Wie trockener Sand rinnt sie durch unsere Finger und was am Ende bleibt, sind kleine Spuren, die wir Erinnerungen nennen. Doch die Augenblicke, die Momente, in denen der Sand durch unsere Finger rinnt, die können wir nutzen. Die können wir nutzen, in dem wir diese Zeit so angenehm wie möglich gestalten.

Natürlich ist das nicht immer so einfach. Natürlich haben wir Verpflichtungen, die wir auf die ein oder andere Art erfüllen müssen, um überhaupt leben zu können. Doch zwischen diesen Verpflichtungen sollten wir immer wieder Brücken finden, die wir betreten können. Brücken, die uns miteinander verbinden. Die Erinnerungen schaffen und glückliche Momente festhalten. Man kann nie genug Fotos von seinen Kindern haben. Nie genug Augenblicke festhalten. Irgendwann passiert alles zum letzten Mal. Und das muss nicht das Ende des Lebens bedeuten. Irgendwann bringen wir unsere Kinder zum letzten Mal ins Bett, weil sie es danach alleine können. Irgendwann schlafen wir zum letzten Mal in unserem Kinderzimmer, weil wir danach unsere eigenen Wege gehen. Und doch ist es irgendwann so, dass wir die uns lieb gewordenen Menschen zum letzten Mal sehen, weil sie danach auf eine andere Reise gehen.

Besucht Eure Eltern. Trefft Eure Freunde. Singt mit Euren Kindern, tanzt und spielt mit Ihnen. Selbst da, wo es Euch vielleicht peinlich wäre. Kinder brauchen keine Geschenke, sie brauchen Liebe. Liebe und Zeit. Sie werden sich später nicht daran erinnern, was sie für tolle Kleider oder aufregende Spielsachen hatten. Sie werden sich an die Momente erinnern, an denen ihr mit Ihnen gesungen, getanzt und gespielt habt. Sie werden sich an die Augenblicke erinnern, an denen Ihr Ihnen Eure Zeit geschenkt habt. Kinder werden sich an die Liebe erinnern, die sie erfahren durften. Alles andere wird irgendwann uninteressant sein.

Und haltet diese Augenblicke fest. Fotografiert, filmt, malt Bilder. Es spielt keine Rolle, nur macht es. Und vielleicht denkt Ihr, dass das doch nicht so wichtig ist. Heute vielleicht nicht. Mag sein. Aber später. Irgendwann. Wenn das Rad der Zeit die Veränderungen mit sich gebracht hat, die es immer mit sich bringt. In jedem Leben…