Veränderung
Veränderung

Wenn wir ehrlich sind, wissen wir es selbst. Die aktuelle Pandemie hat unseren Alltag auf den Kopf gestellt. Sie hat die Welt verändert. Und mich? Mich hat sie zum Nachdenken gebracht. Ich habe viel darüber sinniert, was ich will. Was aber viel wichtiger ist, ich habe mich gefragt, was ich nicht will.

Die Sonne steht hoch am Himmel, während die Straße schnurgerade vor mir liegt. Auf der linken Seite wächst ein Wald. Er wirkt dunkel. Verwachsen. Irgendwie verwunschen. Auf der rechten Seite liegt eine Obstbaumwiese. Apfelbäume, die in den goldenen Herbsttagen die leckersten Früchte tragen werden. Während leichter Nebel über den nassen Asphalt zieht, zieht ein Jogger an mir vorbei. Ich bemerke es nicht einmal. Ihn hingegen stört es nicht.

Ich bin froh, auf dem Land zu leben. Abseits der Hektik der Großstadt. Entfernt von Lärm und Stress. Hier habe ich in den letzten Wochen das Spazieren für mich entdeckt. Damit meine ich nicht die kleinen Wanderungen, die ich eh schon gerne unternommen habe. Ich meine Spaziergänge, die meist ohne Kamera und immer ohne wirkliches Ziel stattfinden. Manchmal gehe ich gute 10 Kilometer und lasse dabei meine Gedanken einfach kreisen.

Mein Smartphone bleibt in der Tasche. Flugmodus. Nur für den Notfall habe ich es dabei. Ob das aber überhaupt von Nöten ist? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Und letzten Endes ist egal. Ich möchte mich nicht ablenken, denn das Schöne, wenn ich frei von Ablenkungen durch die Gegend laufe ist, dass ich den Kopf frei bekomme und gleichzeitig die Möglichkeit habe, in mich hinein zuhören. Ich kann mich selbst fragen, was ich eigentlich möchte. Was aber noch viel wichtiger ist, ist die Frage nach dem, was ich nicht will. Und diese Frage, habe ich mir in der letzten Zeit ziemlich gut beantwortet.  

Die Krise hat auch etwas Positives.

Wenn diese Pandemie mir eines gebracht hat, dann Stille. Heute denke ich sogar, dass mir nie wirklich bewusst gewesen ist, was Stille überhaupt bedeutet. Niemals wäre ich in den vergangenen Jahren darauf gekommen, dass ich erst durch sie in den Kontakt mit meinen wirklichen Wünschen und Bedürfnissen treten kann. Das ich in ihr mein wahrhaftiges Selbst finde und damit das, was ich wirklich bin. Die Stille hat mein inneres Chaos beruhigt und dafür gesorgt, dass ich klarer, stabiler und somit sicherer durch mein Leben gehen kann. 

Das klingt nun wahrscheinlich esoterischer, als es in Wahrheit ist. Dabei ist es im Grunde ganz einfach. Noch zu Beginn des letzten Jahres war ich rastlos. Ständig umtriebig. Hunderte Gedanken schossen im Sekundentakt durch meinen Kopf. Und viele dieser Gedanken waren Ideen, von denen ich glaubte, sie umsetzen zu müssen. Die Stille hatte keine Chance und alles in mir wurde immer chaotischer. Undurchsichtiger. Somit stand ich innerlich oft unter Stress, der wiederum zu innerem Druck führte. Immer hatte ich irgendwas zu tun und oft waren viele Dinge, die ich tat weitaus weniger wichtig, als ich dachte. Tatsächlich habe ich somit nicht nur Lebensqualität verloren, sondern auch Zeit.

Ich stand unter Stress. Weil ich etwas erreichen wollte. Und weil ich es nicht erreichen konnte, stand ich wieder unter Stress. Ein Teufelskreis, der wiederum jene Art von Stress produziert, der nicht mehr als eine innere Leere erzeugt. Dann kam im März letzten Jahres der Lockdown. Termine brachen weg, festeingeplante Veranstaltungen wurden abgesagt und ein Teil meines Einkommens blieb aus. Ich hatte auf einmal Zeit, die zusätzlichen Stress und neue Herausforderungen mit sich brachte. 

Auf einmal war da Zeit

Eine der neuen Herausforderungen war die Zeit. Einfach, weil sie da war. Am Anfang konnte ich nicht gut mit ihr umgehen. Weil ich Angst hatte, etwas zu verpassen. Etwas zu verlieren. Weil es sich so seltsam anfühlte. So falsch. Aber? Was sollte ich tun? Sie war nun einmal da. Schnell begann ich wieder, sie mit Ideen und Gedanken zu füllen. Ich stürzte mich in Dinge hinein, um die Zeit auszufüllen. Aber ich füllte nicht die Zeit, sondern die Leere in mir. Und vieles von dem, was ich tat, vertrieb zwar die Stunden eines Tages, aber in keinem Fall das Loch, welches meine innere Leere erschaffen hatte.

Nach einiger Zeit sah ich einfach ein, dass all das Streben, das Aufbäumen und Neuanfangen keinen Sinn machten. Nichts davon fiel auf fruchtbaren Boden. Im Grunde genommen war es, als würde ich trockenen Zunder in lodernde Flammen werfen. Verschenkte Energie. Als ich das erkannt hatte, hörte ich plötzlich auf. Ich akzeptierte den Umstand. Und die Zeit. Tatsächlich kam ich immer mehr zur Ruhe und durch die Ruhe zur Stille. Meist fand ich sie draußen, abseits der Wege. Und manchmal kam es vor, dass ich einfach irgendwo saß und wirklich nichts machte. Gar nichts. 

Das gefiel mir. Sehr gut. Und es hatte nichts damit zu tun, faul zu sein. Im Grunde genommen, war es sogar das genaue Gegenteil davon. Die Stille ganz bewusst zu erleben, bedeutet zu versinken. In mir selbst. Die Stille zu erleben bedeutet, Zustimmung im Inneren zu suchen und nicht Bestätigung im Äußeren. Stille hilft mir dabei, auf das zu hören, was ich will und nicht auf das, was andere von mir erwarten. Durch die Stille höre ich auf meine innere Stimme, lerne ihr zu vertrauen und mich auf sie zu verlassen. Sie hilft mir, mein eigenes Leben zu leben und bewahrt mich davor, dass Leben anderer zu leben.

Einfach? Hab ich nicht gesagt.

Ich habe gelernt, im Moment zu leben. Immer nur das zu tun, was als nächstes dran ist. Immer eines nach dem Anderen. Ich habe gelernt, die Zukunft und die Vergangenheit auszublenden und ihnen keine unnötige Aufmerksamkeit zu schenken. Einfach? Nein. Das ist es nicht. Überhaupt nicht. Aber es ist notwendig. Für mich. Immer dann, wenn es in mir zu laut wird. Dann muss ich mir selbst sagen, still zu sein. Ich muss mich konzentrieren die Stille zuzulassen. Das geht am besten draußen. Beim Fotografieren. Beim Spazieren. In der Natur. Wenn ich alleine bin. Nur dann kann ich wissen, was die nächste Aufgabe ist. Was es als nächstes zu tun gilt. Ja, ich habe gelernt, dass die Antworten auf meine Fragen niemals von außen kommen, sondern nur aus meinem Inneren.

Alle Antworten auf meine Fragen schlummern in mir. Das Einzige, was ich tun muss, ist still sein um zu hören. Und wenn die Antworten die Oberfläche erreichen, gilt es zu vertrauen. Selbst wenn die Antworten unlogisch erscheinen. Oder beängstigend. Ja, es kann sein, dass sie sich hin und wieder wie Rätsel anfühlen, in denen es keine wirkliche Verbindung gibt. Aber am Ende gibt es sie doch und dann macht wirklich alles Sinn.

Veränderungen

Mittlerweile habe ich 7 Kilometer hinter mich gebracht. Mein Weg führt mich am Gewerbegebiet vorbei. Ein kleines Gewerbegebiet weit hinter den Ortsgrenzen. Hier finden sich meist Handwerksbetriebe. Ein Bauunternehmen. Eine Zimmerei. Zwei oder drei Tischlereien. Ein Betrieb für Systemtechnik. Ein Garten- und Landschaftsbauer und diverse andere. Über den Dächern der Betriebe verfinstert sich der Himmel. Wenige Sekunden später setzt ein Regen ein, der in Hagel übergeht. Ein Auto hält neben mir. Der Fahrer kurbelt die Scheiben herunter und ruft zu mir herüber, dass ich mir ja das beste Wetter für meinen Gang ausgesucht hätte. Habe ich. Habe ich wirklich. Schließlich ist der Unterschied zwischen Regen und Sonne nur meine Wertung.

Im letzten Jahr bin ich stiller geworden, habe mehr zugehört. Antworten gesucht und gefunden. Ich habe abgenommen und Ballast abgeworfen. Dadurch wurde mein Leben leichter. In den letzten Tagen habe ich gefühlt, was ich in meinem Leben wirklich brauche und was genau ich loslassen kann. Ich habe gefühlt, was für mich wirklich wichtig ist und was ich wirklich nicht möchte. Nun räume ich auf. Lasse los und werfe weg. Und mit jedem Schritt komme ich mehr zu dem, was ich wirklich bin. Und wenn ich wirklich ehrlich bin, es fühlt sich sehr gut an. 

Diese aktuelle Krise hat viele negative Aspekte. Ohne Frage. Vieles, was düster erscheint, Angst macht und bedrohlich wirkt. Bedrohlich ist. Aber sie hat auch gute Seiten, wenn wir gewillt sind, sie zu sehen. Mir bot sie die Chance mich selbst zu verändern. Sie brachte mich dazu, still zu sein und Entscheidungen zu treffen, die mir selbst mehr entsprechen. Sie hat mich dazu gebracht, loszulassen und sie hat meinem inneren Chaos Ordnung verpasst. Und immer dann, wenn ich wieder das Gefühl habe, dass die Lautstärke in mir zunimmt und das Durcheinander überhand, lasse ich alles sein und gehe spazieren. Ich gehe ohne Hast und ohne Ziel. Einfach nur um zu schauen, wohin mich die Stille wohl tragen mag.