Von der Müdigkeit

Die Welt ist jetzt ganz anders.

Gestern sah ich für einen Augenblick die Sonne. Ich sah sie, wie sie durch ein Fenster schien und das Bett beleuchtete. Staub tanzte im Licht und die Stille, die im ganzen Raum herrschte, fühlte sich wie Frieden an. Unweit von hier, am äußeren Ende Europas fielen Bomben. Menschen hatten Angst. Kinder weinten. Bis heute haben sie nicht damit aufgehört und nur die Toten konnten bislang das Ende dieses Krieges sehen.

Vom Krieg selbst kann ich nicht schreiben. Ich kenne ihn nicht. Doch ich glaube, dass Krieg zu führen am Ende bedeuten muss, Unschuldige zu töten. Allerdings ich verstehe nicht, wie sich jemand an so einem Vorhaben beteiligen kann oder warum jemand so erpicht darauf ist, in den Krieg zu ziehen. Denn, selbst wenn jemand den Krieg gewinnt, so hat er doch den Frieden auf immer verloren. Draußen hat es angefangen zu regnen. Die Sonne ist verschwunden und ich habe irgendwie das Bedürfnis, mich schlafen zu legen. Aber ich kann nicht schlafen.

Gedanken ziehen ihre Runden. Sie fliegen umher wie das Herbstlaub im Sturm. Ich sehe Bilder von Flüchtlingen, die aus ihren Wohnungen und aus den Städten strömen. Flugzeuge schießen durch die Luft. Sie werfen Geschosse ab, die in Häusern detonieren. In Häusern in denen unbeteiligte Familien ein Zuhause haben. Männer schließen Türen hinter sich, gehen fort und werden nicht mehr zurückkehren. Ich ziehe die Decke etwas höher, lösche das Licht und starre durch die Dunkelheit an die Decke. Ohne etwas zu sehen.

Vielleicht ist Krieg der Beweis für die menschliche Dummheit. Und vielleicht ist es so, dass diejenigen, die den Krieg befehlen, nicht wirklich verstehen, was Krieg bedeutet. Vielleicht spüren wir Menschen immer nur den Schlag, der uns selbst trifft und das Leid der Anderen für uns eine irreale Größe. Ähnlich einer Frage, auf die wir nie eine Antwort finden. Vielleicht ist diese ungelöste Frage, der Fluch der Menschheitsgeschichte. Der Fluch aus dem die ewige Wiederholung menschlichen Unglücks immer wieder neu geboren wird.

Sicherheit ist ein Konstrukt, an das ich nicht mehr glauben kann. Das Schicksal gibt, das Schicksal nimmt. Es ist blind und ungerecht und wahrscheinlich war es das schon immer. Doch darum müssen wir, die wir fühlen und denken können, wir, die durch eine glückliche Fügung vom Schmerz und vom Leid bewahrt wurden, den Versuch unternehmen, die Ungerechtigkeit des Schicksals auszugleichen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich zur Härte der Not, auch noch die Härte des Herzens gesellt.

Die Welt ist jetzt ganz anders. Gefühlt dreht sie sich langsamer und doch viel schneller als je zuvor. Dieser Zustand ist der Grund, warum ich nicht schlafen kann. Diese Gedanken sind es, die mich wachhalten. Aber wer bin ich, um meinen Zeigefinger zu erheben? In der Tiefe der Nacht, durch die Stille der Dunkelheit schlafe ich ein. Kurz. Einige Zeit. Ganz friedlich, während woanders ein Bombenhagel die Finsternis durchbricht.