Ein Sommer, der nach Regen und verpassten Möglichkeiten duftet. Leise und behutsam entfaltet er sich, als würde jeder Tropfen, der auf das längst feuchte Laub fällt, eine Geschichte von dem erzählen, was hätte sein können. Ein Sommer, durchzogen von der Melancholie unausgesprochener Worte und unvollendeter Taten, gehüllt in einen Mantel aus gedämpfter Sehnsucht. Er flüstert in den frühen Morgenstunden, wenn die Sonne hinter einem Schleier aus Wolken aufsteigt, von vergangenen Hoffnungen. Er erzählt von Abenden, die unter dem goldenen Schimmer des verblassenden Tageslichts hätten leuchten sollen, begleitet von Weingläsern, die nie zum Toast erhoben wurden. Und vielleicht vergessen wir deshalb allzu oft, dass das „Jetzt“ kein flüchtiger Augenblick ist, sondern ein stetiges Fließen, ein ewiges Sein, das sich unaufhörlich und sanft fortwährend entwickelt.

Ich erwachte an einem frühen Morgen, als die Welt noch nicht in Schwarz und Weiß geteilt war, sondern in einem Zustand stillen, friedvollen Schlummerns verharrte. Kein Wecker rief mich, kein Klingeln riss mich aus meinen Träumen. Es war, als hätte die Sehnsucht nach dem flüchtigen Licht des Morgens, das scheinbar in seiner Eile die Zeit vergisst, mich sanft geweckt. Ein stilles Versprechen von Glück, das keine Aufmerksamkeit verlangt. Vielleicht war es die Gewissheit, dass ich oben auf dem Berg, im ersten Licht des Tages, jene Version von mir selbst treffen würde, die mir helfen könnte, mich von den Anfängen zu verabschieden, in denen ich schon zu oft verweilt hatte. Durch die leeren Straßen schritt ich, Hand in Hand mit der Dunkelheit, und ließ die menschenleeren Fenster hinter mir, deren Fassaden ihre Geheimnisse für sich behielten. Mein Weg führte mich zum Waldrand, wo das letzte Mondlicht in den Tautropfen funkelte, die sich auf dem wild wuchernden Gras niedergelassen hatten. Jeder dieser Tropfen glänzte und glitzerte wie ein Diamant, dessen Wert das Begehrliche übersteigt, da sie niemandem gehören und ewig frei von menschlicher Gier sind. Würden die Menschen diese Selbstlosigkeit annehmen, könnten wir eine Welt erschaffen, in der Frieden und Harmonie nicht nur erträumt, sondern gelebt werden.

Der Weg schlängelte sich durch den dichten Wald und erzählte in jeder seiner Kurven von der tiefen Dunkelheit, die sich zwischen die Bäume schmiegte. Nur sporadisch gelang es den Mondstrahlen, sich durch das dichte Geflecht aus Ästen und Nadeln zu stehlen und Flecken aus Licht auf den feuchten Waldboden zu malen. Diese Lichtinseln waren flüchtig und glichen eher Schatten, die sich wortlos und schnell durch die Zeit bewegten. Die ansonsten herrschende Stille des Morgens wurde nur vom leisen Summen der Insekten und den ersten Tönen der zwitschernden Vögel untermalt, die gemeinsam ein erstes Konzert anstimmten. In einem kaum greifbaren Augenblick, der sich mehr wie das Zucken eines Wimpernschlags anfühlte, verharrte ein Fuchs auf dem Weg. Seine Augen funkelten kurz auf, bevor er, mich und meinen Hund Talko wahrnehmend, hastig im Unterholz verschwand. Der Anstieg durch den Wald war beschwerlich; Schweiß bildete sich auf meiner Stirn und zog unerbittlich die ersten Bremsen an. Hin und wieder keuchte ich, als mein Atem scheinbar stockte, doch in dieser Dunkelheit, eingebettet zwischen den Bäumen, spürte ich keine Angst. Selbst die Schilder, die vor den Bachen mit ihren Frischlingen warnten, konnten meine innere Ruhe nicht trüben. Mit festem Blick und Entschlossenheit steuerte ich auf den Gipfel zu. Es war ein stilles Versprechen an mich selbst, den höchsten Punkt zu erreichen, noch bevor die ersten Strahlen der Sonne den Horizont liebkosen würden. Ich wollte diesen einen Moment ganz für mich erleben, in dem die Nacht sanft der Morgenröte Platz macht und die Welt in ein neues Licht getaucht wird.

Ich hatte meine Kamera dabei, doch wie so oft in letzter Zeit baumelte sie ungenutzt um Hals und Schulter. Denn während ich mit der rechten Hand die Leine des Hundes hielt, umklammerte die andere fest einen bestimmten Traum vom Leben. Oben angekommen, nahm ich auf einem Baumstumpf Platz und machte mir keine Sorgen darüber, dass das Harz vielleicht meine Hose ruinieren könnte. Ich war ihr ohnehin entwachsen und würde sie bald entsorgen. Auch Talko setzte sich, behielt die Umgebung im Auge und legte für einen ziemlich langen Augenblick seine jugendliche Aufgeregtheit beiseite. Und gerade in diesem Moment begann das Wunder. Als der erste Schimmer des Morgens die Dunkelheit zu durchbrechen begann, schien die Welt innezuhalten und zu atmen. Das sanfte Rosa des Himmels spiegelte sich in den verborgenen Tautropfen, die sich wie letzte Nachtwächter auf den Nadeln der Tannen niedergelassen hatten. Hier, in der Stille der aufkommenden Dämmerung, löste sich die Schwärze des Nachthimmels langsam in ein warmes Violett, das die Konturen der Berge zart umriss. Der Wald stand reglos und ehrfürchtig, als würde er dem Tag gedenken, der noch ungeschrieben vor ihm lag. Jedes Blatt, jeder Zweig schien in stummes Staunen versetzt, gefangen in der Magie des Übergangs. Es war, als hätten sich die Geschichten der Nacht und die Versprechen des Tages zu einem kurzen, friedvollen Zwiespalt vereint, in dem alles möglich und nichts unmöglich schien. Ich saß dort, umgeben vom erwachenden Leben, und spürte, wie die frische Morgenluft meine Lungen füllte. Die Kühle der Nacht wich langsam der Wärme des heraufziehenden Tages, und mit jedem Atemzug schien ich ein Stück des Neubeginns in mich aufzunehmen.

Morgendämmerung, Weimaraner, Talko