Zweitausendachtzehn

Gestern kam mein Kalender an. Zweitausendachtzehn. Ich packte ihn aus, sortierte die Blätter in meinen Organizer und legte die Vergangenheit zur Seite. 106 Tage. Dann beginnt ein neues Jahr. Keine neue Geschichte. Keine neue Zukunft. Nur ein neues Jahr. Mit neuen Geschichten und vielleicht einer anderen Zukunft. Wer weiß das schon so genau? Aus der Küche kommt der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und heiß gebratenem Speck. Es ist Sonntag. September. Zweitausendsiebzehn.

Es gibt keine Eier. Wir haben vergessen, welche zu kaufen. Meine Eltern wohnen im gleichen Ort. Sie haben Hühner. Hühner, die Eier legen. Es wäre ein Leichtes, zu ihnen zu fahren und sie um ein paar Eier zu bitten. Sie würden „Ja“ sagen, mir welche mitgeben und wahrscheinlich nichts dafür verlangen. Wahrscheinlich würde ich trotzdem etwas auf den Tisch legen, mich bedanken und wieder fahren. Doch so läuft das nicht. Jedenfalls nicht an diesem Tag. Heute kommen wir ohne Eier aus. Es wird keine Frühstückseier geben. Dafür Besuch.

Gestern lief Tschick. Ich musste an Wolfgang Herrndorf denken. Und an seinen Blog. Arbeit und Struktur. Ich musste daran denken, wie gerne ich ihn gelesen habe. Meistens während der Arbeitszeit. Im Büro. Im zweiten Stock. Und ich musste daran denken, wie traurig ich war, als er sich am 26. August, gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen hat. Er hatte einen bösartigen Hirntumor und schrieb wunderbare Texte.

„Hast Du zu wenig geschlafen? Geht es Dir nicht gut? Vielleicht solltest Du mehr trinken.“
Sie schaut mich an, verzieht das Gesicht und spricht mich indirekt auf die Ringe unter meinen Augen an. Sie sind schwarz. Wie die Nacht. Finster. Vielleicht nicht wirklich ästhetisch. Mich persönlich stören sie nicht mehr. Ich sehe sie kaum noch. Nur morgens. Oder mittags. Manchmal abends. Meistens, wenn ich in den Spiegel schaue.Irgendwann gewöhnt man sich dran. Irgendwann gehören sie zu einem.

Aber wo sie es schon sagt. Ich bin müde. Ich könnte schlafen, wenn ich könnte. Aber ich kann nicht. Wieder nicht. Und manchmal glaube ich, es liegt am Herbst. Oder am Winter. Vielleicht an Beiden und an den langen Nächten, die sie mit sich bringen. Vielleicht schlafe ich nicht, weil die Dame in Schwarz auftritt und mir Dinge in mein Ohr flüstert, von denen ich glaube, dass ich sie eigentlich gar nicht hören will. „Es geht mir gut“, lache ich und bitte sie an den Tisch. Ohne Eier.

Später krame ich die weißen Kopfhörer aus der Tasche und stöpsle sie in die Buchse meines Smartphones. Kurze Zeit später verschwindet das Kabel unter dem Kapuzenpulli mit dem Anker auf der Brust. Die Musik erreicht mein Ohr und die Tür hinter mir fällt ungehört ins Schloss. Draußen ist es dunkel und die Laternen leuchten die nasskalten Steine des Bürgersteigs an. Den Schall meiner Schritte höre ich nicht und ich selbst versuche ungesehen durch über die Straßen unseres Ortes zu laufen. Niemanden sehen, niemanden sprechen und irgendwann einfach wieder zu Hause sein. Still. Leise. Und vielleicht wieder müde.

Ein Kommentar

Verfasst von Torsten

Torsten Luttmann

Geboren 1981, aufgewachsen in Altenoythe. Seit 2014 hauptberuflicher Fotograf, seit 2017 Filmemacher und leidenschaftlicher Autor auf diversen Blogs. Familienvater, Ehemann und Hundebesitzer.

ÜBER MICH